Sisook Kang
Seladon-Mond-Gefäße
26.05.2026
—
17.07.2026
Eröffnung
22.05.2026, 20 Uhr
Kuratorengespräch
17.07.2026, 20 Uhr
1962
in Seoul in Süd-Korea geboren
1987
Praktikum bei Claus Baumgartner, Kranzberg
1987–1993
Studium der Freien Kunst, Fachrichtung Keramik bei Prof. Johannes Gebhardt an der Muthesius-Hochschule Diplom, Kiel
seit 1993
Freischaffende Keramikerin
1995–98
Stipendium der Stadt Neumünster, Dr. Hans-Hoch-Stiftung
seit 1996
Mitglied im Berufsverband Kunsthandwerk Schleswig-Holstein (BK)
seit 1998
Beteiligung an der Jahresmesse Hamburg,Museum für Kunst und Gewerbe
seit 2001
gemeinsames Atelier mit Kap-Sun Hwang in Kellinghusen
seit 1988
zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland.
Preise
2003
»KulturAktuell« des Landeskulturverbandes Schleswig Holstein
2012
Dießener Keramikpreis
2018
»Neue Keramik«, Oldenburg mit einjährigen Residenzstipendium in Korea
Arbeiten in Museen
Keramik Museum, Berlin
Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloß Gottorf, Schleswig
Museum Kellinghusen, Kellinghusen
Museum für Kunst & Gewerbe, Hamburg
Badisches Landesmuseum, Karlsruhe
Grassi Museum, Leipzig
LANDSHUTmuseum, Landshut
Kirsten Jäschke
Liebe Besucher, liebe Sisook,
wir, also unser Kuratorenteam Thomas Matauschek, Henry Puchert und ich, freuen uns sehr, heute Gefäße von Sisook Kang zeigen zu dürfen.
Ich habe die Arbeiten von Sisook vor Jahrzehnten kennengelernt und bis heute gehören sie für mich zum Schönsten und Besten, was auf dem Gebiet der Gefäßkeramik, aber auch im Bereich abstrakter Kunst zu finden ist.
Es gibt Gefäße für den praktischen und für den geistig spirituellen Gebrauch. Sisook Kang macht beides.
Die Ausstellung heißt Seladon Mond Gefäße.
Sisook Kang wurde 1962 in Seoul geboren und lebt seit vielen Jahren in Kellinghusen bei Hamburg. Ihre Gefäße sind allerdings stark von der langen Tradition der koreanischen Keramik geprägt. Sowohl Seladon Glasuren als auch Mondgefäße oder moon jars haben in der Geschichte der koreanischen Keramik einen bedeutenden Stellenwert und genießen dort bis heute höchstes Ansehen. Es ist eine Herausforderung, sich innerhalb dieser Tradition zu bewegen und sie behutsam auf zeitgemäße Art neu zu interpretieren. Sisook Kang meistert diese selbstgestellte Aufgabe mit Bravour.
Aber was sind eigentlich Mondgefäße und Seladonglasuren?
Moon jars haben ihren Ursprung in der Joseon Dynastie, die in Korea im 14. Jahrhundert begann und stark vom Konfuzianismus geprägt war. Es sind große, weich gerundete und in gebrochenem Weiß glasierte Gefäße aus Porzellan oft mit minimalen Verwerfungen in der Gestalt und auf der Oberfläche, die sie besonders körperhaft und natürlich erscheinen lassen. Sisook Kang greift diese Form in ihren Bodenvasen auf. Die charakteristische Eigenschaft eines jeden Behälters ist, dass er ein Volumen umhüllt. Ein Gefäß ist niemals wirklich leer, denn es umschließt die Luft. In der Vorstellung, ein Stück Atmosphäre einfangen zu können, liegt ein großes poetisches Potential, denn sie macht den scheinbar leeren Raum, der uns umgibt, etwas greifbarer. Die Idee eines Körpers mit dem man sich in abstrahierter Form auch als menschlicher Körper verbunden fühlt und der mit seinem Volumen ein Stück Atmosphäre in sich aufnimmt und diese sozusagen atmet, kommt in Mondgefäßen beispielhaft zum Ausdruck. Sie schaffen so eine Vorstellung von der Verbundenheit des Einzelnen mit dem Ganzen der Außenwelt.
Sisook Kangs Arbeiten leben auch vom perfekten Zusammenspiel zwischen Gestalt und Material, also der ästhetischen Einheit von Scherben und Glasur. Material hat eine eigene Sprache, kann Geschichten erzählen und richtig eingesetzt zum Sinnbild einer Idee werden.
Seladone sind Eisen-Reduktionsglasuren in zarten Grün- bis Blaugrüntönen, die eine besondere optische Tiefe haben. Sisook Kang beschreibt in ihrem Statement die Farbe als eine Verbindung zwischen dem Blau des Himmels und des Wassers. Der Ursprung der Seladone liegt im alten China, wo sie im 9. Jahrhundert ihren Durchbruch erlebten. Ihre Herstellung erfordert viel Erfahrung, Experimentierfreude und Wissen um Glasurtechnik, denn ihre Farbe entsteht durch minimale Verunreinigungen von etwa zwei Prozent Eisen in den Glasurrohstoffen. Würde man diese Glasuren in einem Elektroofen ohne spezielles Brennverfahren brennen, wäre ihre Farbe alles andere als edel, nämlich unangenehm Hellbraungelb. Seladone werden bei Temperaturen ab etwa 1250 Grad gebrannt, allerdings unter Sauerstoffentzug während einer bestimmten Phase des Brennprozesses. Dieser Sauerstoffmangel führt - vereinfacht gesagt - zu den schönen Grüntönen. Auch die optische und haptische Tiefe der Glasuren, ihr nobel glänzendes bis seidenmattes Erscheinungsbild beruht auf unermüdlichen Experimenten und jahrelanger Arbeit an Glasurtechnik. Natürlichkeit und Noblesse gehen hier eine seltene Symbiose ein.
Das Faszinierendste an Sisook Kangs Arbeiten ist ihre Selbstverständlichkeit. Eleganz, lebendige Ruhe, Gelassenheit und Harmonie kommen in den Gefäßen so unzweifelhaft und natürlich zum Ausdruck, als wäre diese Schönheit tatsächlich eine im idealen Raum zu verwirklichende Möglichkeit, aller modernen Skepsis gegenüber so viel Ausgewogenheit und Ästhetik zum Trotz.
Aber wie kommt das?
Sehr kurz zusammengefasst könnte man sagen, es geht hier eher um Resonanz als um Demonstration. Ein guter Keramiker ist für Sisook Kang nicht in erster Linie ein Schöpfer origineller Neuheiten, sondern ein Interpret, der ähnlich wie ein Musiker Vorgegebenes immer wieder neu verarbeitet und durch seine individuelle Sicht verändert. Das führt nur dann zu guten Ergebnissen, wenn die Technik, beziehungsweise das Instrument perfekt beherrscht und das Material als ein Stoff mit autonomer Würde erkannt und respektiert wird, weil der Klang nun einmal die Musik macht.
Sisook Kang orientiert sich streng an einem traditionellem Formenkanon. Das hat nichts mit mangelnder Flexibilität oder Kreativität zu tun, sondern diese selbstauferlegte Einschränkung erzeugt Freiheit. Statt stets die Gültigkeit und Lesbarkeit einer neuen Idee zu hinterfragen, kann sie sich bei der Arbeit unbelastet auf die Details konzentrieren. Das führt zu einer Gelassenheit, die in den Gefäßen ablesbar bleibt. Ihnen haftet nichts Fragmentarisches an. Sie sind ein in sich ruhendes Ganzes, auch weil sie sich nicht allzu sehr aus der Sicherheit des Vorgegebenen herausbewegen. Die indirekte Zerstörung von etwas anderem, das aggressive Vorwärtsdrängen, das jeder radikal neuen oder subjektiven Behauptung innewohnt, fehlt hier – man darf die Harmonie genießen und sich ausruhen. Ein Grund für die künstlerische Aussagekraft von Gefäßen Sisook Kangs Gefäßen liegt in ihrem hohen Abstraktionsgrad. Als Material gewordene Chiffre für den umgrenzten Raum bringen sie alle Voraussetzungen für eine abstrakte Plastik mit sich. Wie immer, wenn eine Darstellung sehr reduziert ist, liegt auch hier die Tücke im Detail. Minimale Abweichungen in den Proportionen, die Anmutung eines Deckelknaufs, die Gestaltung von Fuß und Rand sind ausschlaggebende Kriterien für den Charakter von Sisook Kangs Arbeiten. Sie tritt nur scheinbar hinter dem was sie macht zurück, denn Im Ebenmaß der Verhältnisse und im genauen Umgang mit Details offenbart sich das Können und die Persönlichkeit der Künstlerin. Sie bewegt sich also in einem hochabstrakt lesbaren Formenkanon, in dem kleinste Abweichungen und Verschiebungen Wichtigkeit haben.
Sisook Kang hat zahlreiche Stipendien erhalten; ihre Arbeit wurde mit Preisen gewürdigt. 2023 war die Künstlerin mit ihrer Arbeit in der Ausstellung „Minimal“ im Humboldt Forum in Berlin vertreten, die auf Tendenzen radikaler Reduktion und eleganter Schlichtheit in zeitgenössischer Kunst fokussierte.
Sisook Kang schlägt mit ihren zeitlos schönen Gefäßen nicht nur eine Brücke zwischen den Jahrhunderten, zwischen Einfachheit und höchstem ästhetischen Feinsinn, sondern auch zwischen Spiritualität und Alltag.
Jetzt dürfen sie das alles genießen.