Galerie Adlergasse

Info

Olaf Wegewitz

Querwanderung 51. Breitengrad

31.03.2023

19.05.2023

Eröffnung

31.03.2023, 20 Uhr

Kuratorengespräch

Olaf Wegewitz

1949 in Schönebeck geboren (an der Elbe, 15 km südlich von Magdeburg). Sein künstlerischer Weg begann in Leipzig, wohin er 1971 gezogen war. Er nahm Zeichenunterricht, widmete sich Materialstudien und lernte, Ideen gemeinschaftlich zu entwickeln und umzusetzen. 1984 fand dies in der Gruppe des 1. Leipziger Herbstsalons seinen Ausdruck.

1981 bezog er mit seiner Familie eine kleine Hofstelle in Huy-Neinstedt (am Höhenzug Huy, nördlich von Halberstadt). Heute gibt es dort Wohn-und Arbeitsräume, nahe liegt ein von der Familie bewirtschaftetes Obstareal. Das Loben der Natur wurde sein Anliegen und im Künstlerbuch fand er die Sprache dafür. Unau-lutu. Steinchen im Sand (1983–1986), eine dem indigenen Volk der Karajá (Brasilien) gewidmete Bucharbeit mit Frieder Heinze und ein grafisches Zeugnis jener Zeit, wurde im Reclam Verlag herausgegeben.

Der Schöpfprozess von Papier hatte ihm schon Ende der 1970er Jahre dessen Dreidimensionalität gezeigt, seitdem bearbeitete er es beidseitig. Nach 1989 entstehen die Wolfenbütteler Bücher Mikrokosmos und Anna Ebin. Der Umgang mit den Pflanzen seiner Obstlandschaft führte ihn dem intensiven Naturstudium zu. Seit 1995 wächst ein Künstlerherbar dieses Areals.

Mit der Leipziger Lichtdruckwerkstatt entwickelte er als originalgrafische Technik den Gelatinedruck. 1999 erhielt er den Kunstpreis des Landes Sachsen-Anhalt. Ab 2003 folgten Stein, Pflanze, Tier, Mensch, Land, eine Bodenarbeit in Berlin. Für den Werkbund München entstand die Idee eines »Respektierten Areals«, umgesetzt wurde sie 2006 auf der Halde Beerwalde bei Ronneburg. An diese Idee angelehnt folgte bis 2008 die Gestaltung des »Denk Ort« auf dem Gelände der zerstörten Synagoge von Halberstadt.

2009 und 2011 durchquerte er mit seinem Sohn Lienhard Deutschland zu Fuß entlang des 11. Längengrades von Nord nach Süd zwischen Fehmarn und Zugspitze sowie entlang des 51. Breitengrades von West nach Ost zwischen Geilenkirchen und Görlitz. Eine Bildrolle und das Malerbuch geradewegs – quer entstanden. In Rostock folgte 2015 die Skulptur »Wir woll’n die goldn’e Brücke bau’n«.

Momentan arbeitet er an den Büchern »Falter-Elegie« und »Noch fühle ich’s«. Letzterem liegen Studien des »Huysburg–Herbars« in der Herzog August Bibliothek zugrunde. Seit 2018 entsteht »ASLSP leben Stei-ne für J. Cage«. 2021 erhielt er den 27. Antiquaria – Preis für Buchkultur.

ARBEITEN IM ÖFF. RAUM u.a.

»Streuobstwiese-Symbiose« im Westhuy (seit 1990); Wandarbeit
»Calcium« in der Halle des Kurhauses in Bad Suderode (1996)
Altarbilder in der Johanniskirche in Halberstadt (1997)
»Stein, Pflanze, Tier, Mensch, Land«, Fußbodenarbeit in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Berlin (2003)
»Respektiertes Areal« auf der Halde Beerwalde bei Ronneburg (Begleitprojekt der BUGA, 2006/07)
»Skulptur Gewächshaus« (mit Johanna Bartl u. Wieland Krause) in Magdeburg, Skulpturenpark des Kunstmuseums Kloster Unser Lieben Frauen (2005)
»Denk Ort, und der Lebende nehme sich das zu Herzen«, Raumskulptur am Ort der zerstörten Halberstädter Synagoge (2006–08).

© Hans-Wulf Kunze

Henry Puchert

Eröffnungsrede

Guten Abend. Im Namen des Riesa efau und des neuen Kuratorenteams der Galerie Adlergasse, Kirsten Jäschke, Thomas Matauschek und mir, Henry Puchert, heiße ich sie herzlich willkommen zur ersten Ausstellung unter neuer Flagge.

Wir zeigen Künstlerbücher und 2 Werkgruppen von Olaf Wegewitz- den Schrein für Sybilla Merian und das Buch zur Wanderung 51.Breitengrad „Geradewegs quer“.

1986, ich war Student im1. Studienjahr an der Dresdner Kunsthochschule zeigte die Neue Dresdner Galerie, eine Galerie des staatlichen Kunsthandels der DDR, auf der damilgen Ernst-Thälmann-Straße den Werkkomplex „Unaulūtū-Steinchen im Sand“ von Frieder Heinze und Olaf Wegewitz. Das waren handgeschöpfte Papiere mit Frottagen, Hineingestempeltem, Hineingetuschtem. Alles hing an dünnen Stöckchen und Fäden von der Decke. Dazu Gesammeltes-Fundstücke, Druckstöcke in Kartonen auf dem Fußboden arrangiert.
So meine Erinnerung.
Ich habe sofort eine Mappe nachgebaut, in der beim Öffnen Koriandersamen in kleinen Fächern von der einen Seite zur anderen rutschen und ein kurzes Rauschen erzeugten.
In der Vorstellung, was ein fertiges Kunstwerk ist oder zu sein hat, standen diese Arbeiten der vermittelten akademischen Haltung diametral gegenüber.

2001 wurde ich auf Vorschlag des Hallenser Künstlers Hagen Bäcker, mit dem ich 2 andere Kunstprojekte bestritt, Stipendiat im Kunstverein Röderhof und begegnete Olaf Wegewitz leibhaftig.
Es war Winter. In den kahlen Obstplantagen oberhalb Dingelstedts knabberten die Wacholderdrosseln an den letzten vertrockneten Äpfeln und Kirschen. Sie hinterließen rote Kleckse im Schnee.
Der Besuch bei Wegewitzens in Huy-Neinstedt fiel in die Dämmerung und wir standen im dunklen Atelier. Es gab kein elektrisches Licht. Olaf entgegnete trocken: „.. dass der Tag doch ausreiche.“
Ich war zu spät.
Im großen Zimmer im Erdgeschoß wurden dann die Bücher ausgebreitet. Wir blätterten darin. Texte von mir völlig unbekannten Autoren, aus anderen zeitlichen Zusammenhängen wurden im Arbeitsprozess mit Zeichnungen, Drucken, Schablonierungen, Pflanzenpressungen und Collagen verwoben, die entstandenen Papiere vernäht oder die Seiten mit Stöckchen gehalten und alles in Gläsern, Schubern und Schreinen verwahrt. So wurden die Arbeiten zu Kassibern, in denen die Zeit aufgehoben war.
Ich staunte nicht nur über die Art des Vorgehens, die Form der Bildauffassung, die Ästhetik des Vortrages, die Anhäufung des Materiales, sondern vor allem über die evoziierte Poetik.
Beim Blättern begriff ich, ich sah vielleicht wie ein Öko aus, hatte aber gar keine Ahnung.

Am 20 Januar 2021 hörte ich zufällig das Interview von Kathrin Wenzel mit Olaf Wegewitz im MDR.
Es wurde zu später Stunde gesendet und hätte noch Stunden weitergehen können.
Sein Erzählen über die Entdeckungen in der Natur, die erlebten Veränderungen, das Verknüpfen mit Texten, auch mit Selbstgeschriebenen, den Anteil der Landschaft, des vor Ort, des in der Landschaft seienden, seine Lebensführung und seine Entscheidungen für sich und das Leben seiner Familie fluteten den Äther in meinen vier Wänden.
Ich schrieb ihm. Er antwortete.
Und so begegneten wir uns wieder nach 20 Jahren. Im Winter 2021 und im Sommer 2022 war ich wieder Gast im Röderhof für eines der Teilprojekte des großen, übergreifenden: „Orientierungsraum Landschaft. Haus. Ort.“
Es war wie ein Ankommen, oder nie weggewesen sein. Wie ein Zuhause fühlen.
In diesen intensiven Tagen begriff ich erst das Tun und Handeln von Olaf Wegewitz.

In der Natur ist alles beseelt. Alles ist angereichert mit Energie. Ist Ausdruck, Form und Dasein.
Im Stein, im Boden, in der Luft, in der Pflanze, im Tier, in uns. Das Leben ist ein Verbrauchen, dass läßt sich nicht negieren. Wir verbrauchen die Luft, die wir atmen. Wir verbrauchen das Wasser, das wir trinken. Wir verbrauchen die Böden, die uns nähren. Wir haben jede Verhältnismäßigkeit verloren.
Wir haben alles zum Maximum getrieben und glauben, wir hätten ein Recht darauf. Dieser absurden Bereicherung sind wir sklavisch verfallen. Davon profitieren sehr wenige.

Olaf Wegewitz hat da einen anderen Weg eingeschlagen. Einen der sparsamen Ökonomie, die sich danach richtet und fragt: was finde ich vor?
Schon der Hof am Kirchberg 1 ist nicht im herkömmlichen Sinn saniert. Sondern er ist erhalten und belassen.
Es wird gesenst. Es wird mit der eigenen Kraft gearbeitet-im Garten, in den Streuobstwiesen, beim Anbau, in der Ernte, beim Trocknen und Verpacken.
Das Licht des Tages ist die Uhr für seine Arbeit.
Und was noch wesentlicher ist, dass alle Arbeit geteilt und in Gemeinschaft getan wird.
In Gemeinschaft mit seiner Frau Ingund und in Gemeinschaft mit Anderen.
Davon zeugt das Tun im Röderhof, der Permakulturgarten „Tausendblatt“, das Projekt Orientierungsraum, das Künstler-Museum, die Feldscheune am Rande Neinstedts und natürlich alle Künstlerprojekte, begonnen mit Frieder Heinze.

Das hat doch nichts mit Kunst zu tun.
Doch hat es mit der Verantwortung des Künstler/ der Künstlerin zu tun.
Mit der Gestaltbarkeit des sozialen Umfeldes für alle anderen Beteiligten. Mit der Stellung der Künstler im Leben, denn sie haben keine mehr. Sie sind vogelfrei, auftragslos oder Egomanen im Kunstbetrieb.
Gerade nach der letzten „documenta“ ist diese Frage nach der Autonomie der Kunst, nach der Stellung der Künstler im Verhältnis zu den Kulturschaffenden neu aufgeworfen und befeuert worden.
Und Olaf Wegewitz beantwortet diese Frage vorbildlich und sinnhaft durch sein Tun im Leben.