Galerie Adlergasse

Info

H.F. Taffelt

Lineaturen

05.07.2024

Eröffnung

, 20 Uhr

Kuratorengespräch

04.07.2024, 20 Uhr

H.F. Taffelt

1955
geboren in Bautzen, aufgewachsen in Demitz-Thumitz, Oberlausitz

1973 – 82
autodidaktisches Zeichnen

1974 – 80
Studium der Klinischen Psychologie an der Humboldt Universität zu Berlin

seit 1980
Tätigkeit als Klinischer Psychologe, Psychotherapeut und Psychoanalytiker

1982 – 87
Teilnahme an Zeichenzirkeln, geleitet von Margot Sperling und Wolfgang Leber

seit 1982
gefördert von Hanns Schimansky

seit 2009
vertreten durch Galerie Inga Kondeyne, Berlin

Lebt und arbeitet in Berlin.

AUSSTELLUNGEN (Auswahl)

2024
S/W, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (E)

2023
CENTURY. idee bauhaus, Stiftung Konzeptuelle Kunst, Sammlung Schroth, Soest (G)
KB.S., Galerie Inga Kondeyne, Berlin (E)
Relief, B-Part Exhibition, loop-raum, Berlin (G)
tbc, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (E)
CENTURY. idee bauhaus, Palais Dubniczay, House of Arts, Veszprém, Ungarn (G)

2022
ACCROCHAGE, drj, art projects, Berlin (G)
gezeichnet | gedruckt | geschnitten ǀ geknickt | gestempelt, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (G)

2021
ZEICHNUNG, Galerie Born, Heiddorf (G)
UPSPACE, drj art projects, Berlin (G)

2020
SCHULTERBLICK 40!, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (G)

2019
4:4, Galerie Inga Kondeyne + Wichtendahl Galerie, Berlin (G)
CENTURY. idee bauhaus, drj art projects, Berlin (G)

2018
objet trouvé, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (E)

2017
RENOTATION, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (E)
DRAWING PERFORMANCE: Abstraction from Berlin and the United States,
Galerie Inga Kondeyne + Wichtendahl Galerie, Berlin (G)
DRAWING PERFORMANCE: Abstraction from Berlin and the United States,
Marxhausen Gallery of Art, Seward, Nebraska, USA (G)

2016
DRAWING PERFORMANCE: Abstraction from Berlin and the United States, Tug Boat Gallery,
Lincoln, Nebraska, USA (G)

2015
PAPERWORKS – WORKS ON PAPER, Galerie Inga Kondeyne + Wichtendahl Galerie, Berlin (G)

2014
Zum Bleistift: Zeichnung, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (G)
Paarlauf, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (G)

2013
Du und Ich, Galerie Inga Kondeyne + Galerie Seitz & Partner, Berlin (G)

2012
Galerie Inga Kondeyne, Berlin (E)

2011
Pencilparty, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (G)

2010
Galerie Inga Kondeyne, Berlin (E)

2009
Bleistiftkonzert, Galerie Inga Kondeyne, Berlin (G)

2000
Schweizer Blätter (mit Stefan Kreide), Kunstfaktor, Berlin (G)

»… Ausgangspunkt jedes Zeichnens ist die Konfrontation mit dem Zeichengrund. Die Nichtfarbe Weiß macht ihn zu einem Ungrund aus Leere und Stille. Und daraus soll ich schöpfen. Ein Unding.
Jede Erzählung des Kugelschreibers sollte eigentlich verstummen. Die Überzeugung, dass den zu zeichnenden Linien eine poetische Kraft innewohnt, hilft, in dieses abgründige Weiß hinein Linien zu ziehen …«
H. F. Taffelt, 2022

Kirsten Jäschke

Eröffnungsrede

Liebe Besucher, lieber Frank,

als ich die großen Kugelschreiberzeichnungen Frank Taffelts vor einigen Jahren in einer Galerie in Berlin zum ersten Mal sah, hatte ich das Gefühl, die Wand sei mit einem neuen, geheimnisvoll aufgeladenen Stoff aus der verloren geglaubten Welt der Götter und Könige geschmückt, die nun hier in vergessenen aber ordentlich gefassten Bruchstücken moderner Machart wieder präsent wurde.
Der Künstler schien im Auftrag dieser Götter Stroh zu Gold gesponnen bzw. den Inhalt einer Kugelschreibermine in etwas unbekannt Edles verwandelt zu haben. Wir sind sehr froh, dass nun auch hier der Glanz dieser Arbeiten seine Wirkung entfalten kann.

Frank Taffelt ist gleichzeitig Künstler wie Psychoanalytiker von Beruf, was dazu verführt, die Frage nach der Entstehung und Motivation seiner künstlerischen Arbeiten auch mit Blick auf den Psychoanalytiker zu beantworten, zumal das Frank Taffelt in seinen Texten ebenfalls tut.

Frank Taffelt wollte zunächst Verhaltensbiologe werden. Schon als kleiner Junge fängt und präpariert er im Garten seines Stiefvaters Insekten, beobachtet Vögel und dokumentiert deren Verhalten bei Nestbau, Brut und Fütterung. Sogar Zugvogelstatistiken entstehen. Der Künstler selbst beschreibt dieses Vorgehen als eine Strategie, mit der überwältigenden Vitalität des im Garten vorgefundenen fertig zu werden. Wissen soll die Angst davor im Zaum halten.
Es fällt leicht im Bild dieses Gartens eine Analogie für die ebenfalls nicht so leicht domestizierbare Natur drinnen, das was wir Seele nennen, zu finden.
Frank Taffelt begegnet diesem ebenfalls beängstigend abgründigen, unübersichtlichen Raum der Psyche zunächst mit den bewährten Methoden der Wissenschaft. Er studiert Psychologie und macht eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Parallel zu seinem erlernten Beruf beginnt Frank Taffelt in den achtziger Jahren zu zeichnen, tritt aber erst dreißig Jahre später mit seiner Kunst an die Öffentlichkeit.

Zeichnen ermöglicht, die Welt der eingeübten Methoden des Analysierens für eine Weile zu verlassen und sich in einem Raum jenseits des Alltagsgeschehens in einen Prozess zu versenken, der etwas hervorbringt, was sich der Einordnung entzieht.
Kunstausübung erscheint hier wie eine Form der Selbstüberlistung, ein Mittel zur Rückeroberung des durch Klassifizierung in die Schranken gewiesenen Wilden und Unberechenbaren, des Lebendigen. Die rationale, Schutz suggerierende Welt der mathematischen Regeln, geometrischen Formen und Proportionen bleibt anwesend, dominiert aber nicht das Geschehen.
Hier wird nicht die Vernunft durch Befeuerung des Gefühls herausgefordert, eher führt der hier vergleichsweise monotone Vorgang des Zeichnens dazu, Unvorhergesehenes zuzulassen.
Die Kugelschreiberzeichnungen entstehen ähnlich wie beim Handwerk des Strickens oder Webens, aus der rhythmischen Wiederholung einfacher Bewegungen, nämlich vertikal und horizontal übereinander gesetzter Linien, die gleichwohl Konzentration erfordert, denn mit der zunehmenden Verdichtung der Oberfläche wächst die Gefahr, dass das Papier unter der neuen Behautung reißt, was nicht passieren soll.
Das dramatische Element in diesen Arbeiten ist also auch kein theatralisch inszeniertes, keine Aufführung nachgespielter Besinnungslosigkeit, sondern entsteht aus der Besinnung selbst. Die Aufwölbungen, Verwerfungen, das nicht greifbare Schillern und bewegte Flirren der Oberflächen erzeugen ein mildes Chaos, ein organisches Moment, das gleichwohl nichts Persönliches preisgibt.
So rührt es besonders an, wenn innerhalb dieses in Rechteck oder Quadrat gefassten, kontrollierten Kontrollverlustes manchmal zarte Linien fast unmerklich über die gesetzten Grenzen heraustreten. Sie berühren als kaum sichtbare Spuren des Individuellen, als verhaltener Hinweis auf tausende anderer solcher Spuren die nun den Körper der Zeichnung bilden und der Wahrnehmung entzogen in ihm aufgehen.
Das schwarze Quadrat als Chiffre für einen Nihilismus a la Malewitsch bleibt zwar als Idee präsent, aber der drohenden Vernichtung des Einzelnen in der Unendlichkeit trotzen diese Bilder in subtiler Subversion. Die sich durch fortlaufende Gesten in der Zeit festschreibende flüchtige Anwesenheit des Individuums erhält hier eine Anatomie, die in ihrer inneren wie äußeren Bewegtheit doch nicht zu greifen ist. Dieses Geheimnis darf bleiben und muss nicht entschlüsselt werden.
Es ist eine in Gewändern von sublimer Schönheit gefasste Körperlichkeit, die sich quasi alchemistisch aus dem Arbeitsprozess ergibt. Hier trifft die mit jedem Handwerk verbundene Erfahrung von Selbstwirksamkeit auf das Erleben von Veredelung und Neuerfindung – ein beglückender Moment.
Manch einer mag gerade bei den sehr körperhaften neuen Kugelschreiberarbeiten auch Käferpanzer assoziieren. Ich hab ein wenig recherchiert - und siehe da, die göttlichen Produktionsmethoden ähneln in dem Fall denen des Künstlers. Bei metallisch schimmernden Käferpanzern liegen ungefähr 70 Lagen feinster Fasern, sogenannte Mikrofibrillen in regelmäßigen Abständen zueinander versetzt aufeinander.

Die KB.S.-Serie erhielt ihren Namen als Anspielung auf die Kunstblumenproduktion in Sebnitz, in die Vorfahren von Frank Taffelt eingebunden waren. Aus mit Grundierweiß bestrichenen Rechnungsblöcken oder Büropapieren aus dem ehemaligen Kontor der Großmutter schneidet der Künstler Papierstreifen, die er dann falzt und auf einen Untergrund aufklebt. Dadurch entsteht ein in Reihen inmitten ordentlicher Begrenzungen angelegtes, unregelmäßiges Auf und Ab von Erhebungen und eine Vielzahl von Schattierungen im Weiß. Diese sozusagen frei atmenden Lineaturen unterwandern hier wieder die Strenge und Klarheit der geometrischen und tektonischen Setzungen. Es erscheint ein zartes bis dramatisches organisches Moment, das sich nicht nur der visuellen Greifbarkeit entzieht.
Stofflichkeit und Farbe der Reliefs erinnern an gebügeltes, weißes Leinen.
Wäsche ist die stumme Zeugin unseres Intimlebens. Auch daran mag man denken, wenn sich Relikte aus der Vergangenheit hier wie frisch gestärkt und sauber präsentieren.
Frank Taffelts Arbeiten sind schön, sehr schön.
Aber es ist eine Schönheit, die aus dem tiefen Wissen um ihre Gefährdung heraus entsteht. Ein utopisch gefärbtes Trotzdem, das berührt und beglückt.