Galerie Adlergasse

Info

Matthias Jackisch

Zinns

10.11.2025

19.12.2025

Eröffnung

07.11.2025, 20 Uhr

Kuratorengespräch

19.12.2025, 20 Uhr

Matthias Jackisch

1958
geboren in Oschatz
Kindheit und Schule in der Oberlausitz

1977–1981
Steinmetz in Dresden

1981–1986
Studium an der HfBK Dresden bei Prof. Gerd Jaeger, Prof. Klaus-Michael Stephan, Prof. Herbert Naumann, Prof. Detlef Reinemer

1985–1990
Gruppe Meier mit Tobias Stengel und Christian Späte

seit 1986
freischaffend in Dresden und Umgebung 1993–2005 Organisation internationaler Performancetreffen seit 1997 Steinflöten in Performances

seit 2018
mit SARDH

Ausstellungen und Performances in:

Deutschland, Ungarn, Bulgarien, Tschechien, Slovakei, Polen, Frankreich, Italien, Spanien, England, Holland, Kanada, Mexico, Japan, Sardinien, Südkorea, Thailand, Russland, Brasilien

Thomas Matauschek

Eröffnungsrede

»Bei mir geht es barock zu.« sagte der Künstler zwischen seinen Steinen und Hölzern vorm Haus in Tharandt. Das erinnerte mich gleich an den Neptun-brunnen wenige Schritte von hier im ehemaligen französichen Garten des Marcolini Palais – heute Krankenhaus Friedrichstadt. Jackisch begeistert sich, wie ich, an den Stilisierungen von Felsen und deren Bewuchs, die unter der Figurengruppe aus dem Wasser ragen. Bei ihm bewachsen Figuren tatsächlich, denn sie entstehen im Freien und bleiben dem Wetter ausgesetzt, wenn der Künstler sich ins Gehäuse zurückzieht. Der gerade bemeiselte Stein ist ihm immer zu frisch, er braucht Patina, etwas Verwitterung – Moosbewuchs also erwünscht. Manchmal helfen auch die Farben, die im Stein stecken weiter. Das Rosa der TORFRAU, die sich aus einem alten Brunnensegment schält. Das ist Malerei mit Stein. Jackisch bleibt nie im Stein stecken, weil er nicht fertig werden will. Er wartet geduldig darauf, welche Figuren aus den gefundenen Steinen werden wollen. So kann zum Beispiel HEINE MATRATZEN-GRUFT entstehen – unendlich zart trotz des harten Basalt. Immer stellt sich ihm die Frage: Ist die Sache an ihrem Ende oder geht es weiter?
Dabei lässt er sich und den Steinen Zeit. Das Unfertige der Figuren bringt sie in einen Schwebezustand. Man fragt sich: WERDEN sie noch oder VERGEHEN sie schon. Wären sie fertig wären sie wohl tot. Es ist eine Verzauberung des schweren Steins – denn wie sonst kann Stein in diesen Schwebezustand kommen? Wie kann rauher Sandstein weich, ja sogar unscharf wirken? Der Künstler hat vor seinem Studium an der HfBK Dresden Steinmetz gelernt. Dieses Können führt ihn aber nie ins Kunstgwerbe. Davor schützt ihn seine Neugier und sein Mißtrauen.
Jackisch erinnert sich und dichtet:
»Mit 17
Steine, von Riesenhand geworfen,
riesig überall im Wald. Mit denen zu reden ging ich Tag für Tag übern Bach, durch die Koppel, hoch
Zum alten Steinbruch.«
Offenbar war da schon früh eine Bestimmung.
Vom Vater aus sollte er, dessen Profession folgend, Arzt werden. Er wurde es nicht – zu unserem Glück.
Jackisch sagt: »Man muss noch spüren dass der Stein ein Teil vom Berg war.« Diese Steine sind gerade noch tragbar oder mit der Sackkarre zu bewegen, bei ihnen steht steht nichts ab. Dennoch entstehen nicht die früher üblichen Torsi ohne Arme und Beine oder gar Rümpfe – also kein Torso als Kunstform. Das Fragmentarische der Figuren hat bei ihm eine große Selbstverständlichkeit.
Deshalb wirken sie so archaisch, so aus jeder Zeit gefallen.
»Bildhauerei hat etwas mit Abhauen zu tun.« notierte er mit Freude am Doppelsinn. Die Titelei ist Jackisch wichtig. »Ich hasse Ohne Titel.« Titel entstehen während der Arbeit oder danach. Jedenfalls nicht vorher.
Es sei denn, es handelt sich um einen Auftrag.
Ein Kolkrabe lebte länger als ein Jahr beim Künstlerpaar Matthias Jackisch und Carla Schwiegk mit Hund und Katzen. Sie haben viel von ihm gelernt. RABE STIRBT ist sein Denkmal – eine Rabenbüste mit menschlichem Antlitz durch
gebündelte Meisel behauen.
Schon auf der Seite des VERGEHENS befindet sich der STERNENGUCKER. Dieser Buddha aus Travertin scheint nur noch eine Schale zu haben, seine Rundlichkeit ist zerfressen.
Nächtliche Landschaften sind Jackischs Tuschmalereien. Sie entstehen nachts in einem spärlich beleuchtetem Verschlag. Er pinselt sehr flüssig auf dünnstem China-Papier, muss die nassen Bätter danach vom Brett abziehen. Aus entsprechender Entfernung wirken sie enorm räumlich. Auch hier ist viel WERDEN und VERGEHEN. Schwerlich lässt sich entscheiden ob es sich um Berge, Wolken oder das Meer handelt. Jedenfalls sind sie wie ein Urgrund, eine amorphe Materie aus der auch seine Figuren entstehen. Hier in der Ausstellung bilden sie ihren Hintergrund.
Wir Kuratoren waren waren überrascht wie die Skupturen aus ihrer quasi natürlichen Umgebung gerissen, hier im Parcours der Galerie ein ganz andere Wirkung entfalten. Besonders hat es sich gelohnt das Relief STÜRZENDER ENGEL hoch zu hiefen und dort oben anzubringen.

Vor genau einem Jahr stellte hier in der Galerie Adlergasse Tobias Stengel aus. Er war Jackischs Kommilitone und Mitstreiter in der Künstlergruppe Meier.
Dessen Interesse an Mathematik, Geometrie, Faltungen und kristallinen
Strukturen empfindet er als Bereicherung – als die völlig andere Möglichkeit von Kunst … Er der Organiker und Bauchmensch nennt ihn seinen Antipoden.

Zitat Jackisch:
»Sachsen
Tägliches in den Stein entkommen«
2020 zeigte er Zeichnungen und Skulpturen im Freitaler Einnehmerhaus. Mich erstaunten die Innenräume im Stein, die hier zum Thema wurden.
Verwandtes hatte ich bisher nur bei Henry Moore gesehen. So verstehe ich den Künstler wenn er in Steine bohrt, um seine Steinflöten herzustellen. Fünf dieser dieser Flöten liegen skulptural in der Vitrine draußen im Foyer.) In Performances bringt er ihre Innenräume zum Klingen. Er nennt es Klänge – nicht Musik.
Er wird es gleich nochmal tun.

Myriaden winziger gegossener Figuren bilden das Zentrum der Ausstellung. Jackisch hat sie erst mit Wachs modeliert dann mit Silikon abgeformt danach mehrfach aus Zinn gegossen. Je nach Zusammensetzung der Legierung unterscheiden sich die Güsse farblich, Das Spektrum reicht von metallisch glänzend bis dunkelgrau matt.
Das Material Zinn führte den Künstler schalkhaft zum Titel der Ausstellung: ZINNS. Als Mehrzahl von Zinn. ZINNSES ZINS entsteht aber erst beim Betrachter. Festverzinslich ist er nicht. Risiken bleiben. Also – lassen wir unser Vermögen arbeiten um uns zu bereichern – aber bitte ohne das ZINN in Taschen verschwinden zu lassen.
Vielen Dank.