Galerie Adlergasse

Info

Tobias Stengel

Sudoku

04.11.2024

20.12.2024

Eröffnung

01.11.2024, 20 Uhr

Kuratorengespräch

20.12.2024, 20 Uhr

Tobias Stengel

Henry Puchert

Eröffnungsrede

Ich möchte mit einem Gedicht von Ludwig Steinherr (Jahrgang 1962) beginnen, das so ziemlich genau das erfasst, worüber wir in den Tagen des Aufbaues dieser Ausstellung gesprochen haben. Worauf wir zurückblicken und angesichts unseres Alters, was noch möglich ist. Und wie wir hier so herumkräbeln.

Dieses Privileg
da zu sein
als Nachtfalter Iltis Molekül
als Stein oder Mensch
zwischen Abermilliarden
verworfener Möglichkeiten
ungezeugter Leben
da zu sein -

reglos stumm
oder mit Atem
Herzschlag Schmerzempfinden
in hellen in dunklen Zimmern
zu kämpfen zu lieben
zu träumen oder
nicht weiter zu wissen
schlaflos zu liegen
zu hoffen dass die Zeit
vergeht

Tobias Stengel hat ein langes, prägendes Leben künstlerischer Auseinandersetzung und Erfahrung hinter sich und hoffentlich erfüllte Tage vor sich.
Sei Vater, Gerhard Stengel, unterwies ihn als Kind behutsam: „Geh nie ohne Stift und Papier aus dem Haus.“ Denn, das sage ich, überall ist Zeichenland.
Der Begabtenförderung an der HfBK Dresden folgten Abendstudium, Hochschulstudium, keine Meisterschülerjahre. Die ganze Kette Dresdner Prägungen, die in der DDR, wenn man in einen Künstlerhaushalt hineingeboren wurde, möglich war.
Mit der Ausnahme, keine Steinmetzlehre absolviert zu haben. (Das ist ein Dresdner Spezialthema)
Nicht ganz grundlos steht die Plastik einer stehenden Figur aus dem Diplomjahr in dieser Ausstellung. Worauf verweist sie?

Wie all das durchbrechen?
Als Mitglied des Künstlerkollektives „Meier“ mit Christian Späte und Matthias Jackisch wird mit offenen Gestaltungsprozessen experimentiert. Es geht nicht um das Ergebnis. Es geht darum, es getan zu haben. Am Besten vor Ort. In kunstfernen Räumen. Aber in solchen, in den gemeinsamneue Erfahrungen gewonnen werden konnten. Das ist aufgeladen, denn es geschieht nicht im Atelier sondern öffentlich.
Den Figurenkanon versucht er hinter sich zu lassen.
Er orientiert sich an Denk-und Ordnungssystemen. Wichtig daran ist, das diese sich wirklich durchdringen, auffächern, auch sprengen, vervielfachen, aber als Ganzes auch eins sein können.
Die gruppendynamischen Prozesse und Verortungsversuche enden nach 1989 nicht nur für die Gruppe Meyer in individuellen Schritten in eine neue Welt. Das Vorleben wurde vom wirklichen Leben eingeholt, als ein gesamtgesellschaftlicher Prozess der Umformung und Bedeutungs- verschiebung.
Wie macht man da weiter?
Tobias Stengel`s nicht zu erschütterndes Interesse an Mathematik und Geometrie macht ihn zum subjektiv Forschenden. Der gelernte Baufacharbeiter hat ein klares Interesse an selbsterklärenden Anleitungszeichnungen. An aufgefalteten Modellen, die als Zeichnung in die Fläche übertragen werden. Und gehen wir diesen Schritt mit, das Auseinandergeschnittenes wieder zusammengeklebt werden kann, so verstehen wir einen Teil der Arbeitsmethode. Ein Prinzip, das jeder kennt und als Kind vielfach durchgespielt hat.
Auch hier werden Würfel, Vielecke, Kristalle als System einer Ordnung auf Systeme anderer Ordnungen wie Karten mit Höhenlinien, Grundstückskataster oder ganz aktuell in der Ausstellung Sudokuquadrate appliziert.
Sie sollen auf mögliche Orte verweisen, dass dort so gedacht, gebaut, gefunden, gelebt wird.
Das Aufgefächerte zeigt einerseits die Varianten einer plastischen Form und andererseits wird das zu betrachtende mitunter unübersichtlich. Es bedarf einer großen Vorstellungskraft.
Was muss ich also mitbringen, um zu begreifen, was vor sich geht, ohne es gleich als reine Ästhetik abzutun.

Tobias Stengel arbeitet mit Verve.
Er enthusiasmisiert seine Gedanken.
Er spricht von Entdeckungen auf dem Papier wie andere von Berggipfeln.
Er brennt dafür.
Diese Liebe läßt ihn exakte Linien ziehen, Flächen zeichnen und füllen, in immer neuer Kombination, in veränderten Winkeln, Verschiebungen, Projektionen.
Er hört Wissenschaftssendungen im Radio und liest im fetten Buch der Kombinatorik Helmut Lachenmanns. „Nicht das Erlebnis von Schönheit ist das Ziel des Komponierens, sondern die Erfahrung von Anordnung und Verwandlung ungewohnter Klangereignisse.“
Der Künstler ist rastlos.
Er raucht.
Er steht am Fenster und sieht den Hang hinab ins Tal zur Stadt.
Er geht zurück zum Arbeitstisch mitten im Zimmer und schlägt die Mappe mit den Zeichnungen auf. Jede ist auf ein gesondertes Papier montiert. Er kann es sofort rahmen. Das ist ihm wichtig. Er muss sich überzeugen. In Reihen, in Anordnungen, letztendlich in Zuweisungen, die er selbst bestimmt. Er ist beständig auf der Suche nach einer neuen plastischen Form.

In einer Krisensituation fängt er an Sudoku zu spielen. 9x9 Quadrate, mehr als ein aufgefächerter Würfel. Hier hinein verbindet er Zahlen miteinander. Konstruiert sozusagen Flächen um einen gedachten Mittelpunkt. Er überträgt die Formen auf größere Bögen und verschiebt in der Fläche die Überlagerung der nächsten Form nach oben. Und die Nächste und die nächste. Damit das erkennbar bleibt in Graustufen auf dem Papier, in Farbstufen in Mdf.
Das spiel von Überlagerung und Zergliederung kann soweit getrieben werden, dass keine Form mehr sichtbar wird, sondern nur noch Struktur.
In dieser Balance sind die Arbeiten und oft genug bricht er darüber ab und lacht.

Das Erforschen all dieser Möglichkeiten ergießt sich in Reihen von Zeichnungen, Faltungen, Gouachen die weiter in Modellen erprobt werden müssen.
Entscheidend für die einmal konstruierten Flächen ist der Abstand zueinander, der im Übereinanderschichten keine Säule, keine Stele, sondern wieder Figur wird.
Ohne Extremitäten. Aufgerichtet einer Wirbelsäule gleich, in der sich alle Teile um eine Achse, wie in einem Gedankenfaden bewegen. Der Mantel der sie umschließt greift nicht nach dem Querschnitt ihrer Wirbel. Und so sind die Teile gleichzeitig als ein Aufeinander und Zueinander zu verstehen. Als eine Gleichung für Verwandlung von konvex zu konkav, von spitz zu stumpf, von Quadrat zu Vieleck vom Grund zum Firmament, von der Draufsicht zum kubistischen Spiegel, vom Fragment zum Panorama de Ansichten, von der Figur zur Architektur vom Denken zur Welt.

Es gibt keinen abschließenden Satz.
Ich höre einfach auf zu reden.
Denn Tobias stengel schafft und schöpft ja noch.
Alles ist im Fluss.

Danke.