Galerie Adlergasse

Info

Tobias Stengel

Sudoku

04.11.2024

20.12.2024

Eröffnung

01.11.2024, 20 Uhr

Kuratorengespräch

20.12.2024, 20 Uhr

Tobias Stengel

1959
in Grimma geboren

1981–1986
Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Diplom seit 1986 als freiberuflicher Künstler tätig

2007–2009
Lehrauftrag für Räumlich-Plastische Grundlagen an der TU Dresden

2010–2014
Lehrauftrag an der Hochschule für Bildende Künste Dresden

2013–2014
Lehrauftrag für Kunstgeschichte an der Designschule Leipzig

seit 2014
künstlerischer Mitarbeiter an der Hochschule für Bildende Künste Dresden

lebt und arbeitet in Dresden

STIPENDIEN

1994
Stipendium Schloss Wiepersdorf

1995
USA-Stipendium des Freistaates Sachsen

1996
Philip Morris Stipendium

2001
Stipendium des Center for Contemporary Art Prague

2003
Arbeitsstipendium des Kunstfonds Bonn

2007
Stipendium im Künstlerhaus Edenkoben, Rheinland-Pfalz

2008
Stipendium im Kunstverein Röderhof, Sachsen-Anhalt / Stipendium der Stadt Dresden in Zygote Press, Cleveland (OH, USA)

2016
Pirosmani Projekt der Deutsch-Georgischen Gesellschaft, unterstützt vom Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt, Alvani (GE)

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

1990
Galerie Junge Kunst, Frankfurt (Oder)

1991
Galerie Zielke, Berlin

1995
Exhibition Hall Mönchskirche, Salzwedel

1996
Galerie Holze-Teufel, Dresden

1997
Canzani Center CCAD, Columbus (OH, USA)

1998
Festspielhaus Hellerau, Dresden

2002
Galerie Klaus Spermann, Berlin

2005
Motorenhalle, Project Center for Contemporary Art, Dresden

2006
Kunsthaus Erfurt

2007
Gallery Svenshog, Lund (S)

2008
Villa Streccius, Landau / Zygote Press Gallery, Cleveland (OH, USA)

2009
Strandhalle Ahrenshoop / Hauff & Auvermann, Berlin

2011
Büro für Kunst, Dresden / TU Bergakademie Freiberg / Gallery Jama, Ostrava (CZ)

2012
Kunst-Frei-Raum, Dresden

2013
Art Space, Berlin

2015
Scharoun Church, Bochum / K16, Duisburg / Kathe Kollwitz Haus, Moritzburg / Leonhardi-Museum, Dresden

2018
Kunstverein Meißen / Kunstverein Bautzen

2019
Dr. Hecht Arts Center Uni Haifa (IL)

2020
Tartu Art House (EE) / Galerie TscharT, Leipzig (mit Katharina Lewonig)

2021
Galerie Alte Feuerwache Dresden / Nürnberg Haus, Krakau (PL)

2022
Galeria OKNO, Słubice (PL)

2023
Projektraum Slubfort, Frankfurt (Oder)

2024
Kunstverein Feuerwache Kemlitz / Galerie Adlergasse, Dresden

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

1990
Europäische Werkstatt Ruhrgebiet I und II, Museum Recklinghausen

1991
II. Festival International d’Art de Groupe, Marseille (FR)

1992
Turning Points – East German Art in Revolution, Sunderland (GB)

1994
Körperbilder – Menschenbilder, Deutsches Hygiene-Museum Dresden

1995
Out of Residence, Palazzo Vecchio, Florenz (I) und Skopje (MK)

1996
Kunstmesse Köln / Art Forum Berlin

1998
Urban Bridges, Frank-lin Bunt Gallery, Columbus (OH, USA)

2001
Kolmo K Ose II, Haus der Kunst Opava (CZ)

2002
R.A.U.M. City-brache, Internationales Projekt im öffentlichen Raum, Dresden

2003
Oscilaciones, Can Felipa Sala de Arte Contemporaneo, Barcelona (SP)

2005
International Biennale of Contemporary Art Prague, Nationalgalerie Prag (CZ)

2007
Wrocław Non Stop Festival, Wrocław (PL)

2008
Unter Druck, Kent State University Gallery, Cleveland (OH, USA) / Kunst als Reflexion auf Naturwissenschaft, Neuer Sächsischer Kunstverein

2009
Ohne uns: Kunst und alternative Kultur in Dresden vor und nach ‚89, Dresden

2010
Aspect Ratio, Downtown Gallery, Kent (OH, USA)

2012
Phanomen Wohlstand, Motorenhalle, Dresden

2015
Labyrinth, Festival, Słubice (PL) und Frankfurt (Oder)

2016
Error X, OSTRALE, Dresden / OSTRALE weht ODER, Kulturbrauerei Wrocław (PL) / Labyrinth, Festival, Słubice (PL) und Frankfurt (Oder) / Schaudepot #7, Staatliche Kunstsamm-lung Dresden / (un)geduldiges Papier, Motorenhalle, Dresden

2017
Tief + Hoch, Galerie Sybille Nütt, Hans Körnig Museum / Labyrinth, Festival, Słubice (PL) und Frankfurt (Oder) / Pirosmani Museum, Mirzaani, Geor-gien (GE) / 2018 Existenz, Oktogon HfBK, Dresden / Rastern, Leonhardi-Museum, Dresden

2019
Unrealised projects, Galerie Ursula Walter, Dresden / Besetzung der Utopie, Motorenhalle, Dresden / Galerie SMOK,
Słubice (PL)

2020
Tallinn ARS Project Space (EE)

2022
La byrinth, Festival, Słubice (PL) und Frankfurt (Oder)

2023
Labyrinth, Festival, Słubice (PL) und Frankfurt (Oder)

2024
Existenz, Oktogon HfBK, Dresden / Motorenhalle, Dresden / WIN/WIN, Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser

ARBEITEN IN ÖFFENTLICHEN UND PRIVATEN SAMMLUNGEN

Museum Ritter, Waldenbuch, Sammlung Marli Hoppe-Ritter Kunsthalle Recklinghausen
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Cottbus Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung
Kunstfonds des Freistaates Sachsen Land Niedersachsen
Land Sachsen
sowie private Sammlungen in Berlin, München, Frankfurt am Main, Dresden, Columbus (USA), Boston (USA) und Tel Aviv (IL)

»… Aus der Einsicht, die organische Figur könne der Bildhauerei keine neuen Impulse mehr geben, hat Tobias Stengel seine Arbeit als eine Praxis künstlerischer Forschung im Dialog mit der Zahlenlehre etabliert. In seinem Atelier sind in den vergan-genen Jahren eine ganze dieser aus Zahlen spielen resultierenden Plastiken entstanden. Die größte verbindet den Fußboden mit der Decke. Fast schon majestätisch, wie die unvergleichliche Endlose Säule, gebaut aus 15 oktaedrischen Modulen von Constantin Brâncuşi in Târgu Jiu. Tobias Stengel hat seine Säulenformen aus Gips oder Keramik gebaut, auch in Bronze gegossen oder ihre Konstruktion mit höl-zernen Stäben in den Raum gezeichnet. Und er hat sie wieder ins Zweidimensionale zurückgeführt, in flache Reliefs, Zeichnungen und Collagen. Indem er das Sudoku zum Quellcode einer höchst vielgestaltigen Werkgruppe erklärt und dabei ungezählte Abzweigungen und Varianten herbeigeführt und auch zugelassen hat, konnte Stengels Werk der Magie, die im mathematischen Denken seit Anbeginn präsent ist, eine ganz eigene Erscheinungsform schaffen.
Mathematik als künstlerische Denkgewohnheit: Die Rationalität des Wissens und die Magie des Künstlerischen als ein Gemeinsames zu denken, ist eine Grundlage der Kunst der Neuzeit. Sie in die ideologische Volatilität der Nach-Postmoderne hinüber-zuretten, ist nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine kulturelle Tat …«
Matthias Flügge
Katalogtext »Magie des Rationalen«, Mai 2024

© Andreas Seeliger
Homepage Tobias Stengel

Henry Puchert

Eröffnungsrede

Ich möchte mit einem Gedicht von Ludwig Steinherr (Jahrgang 1962) beginnen, das so ziemlich genau das erfasst, worüber wir in den Tagen des Aufbaues dieser Ausstellung gesprochen haben. Worauf wir zurückblicken und angesichts unseres Alters, was noch möglich ist. Und wie wir hier so herumkräbeln.

Dieses Privileg
da zu sein
als Nachtfalter Iltis Molekül
als Stein oder Mensch
zwischen Abermilliarden
verworfener Möglichkeiten
ungezeugter Leben
da zu sein -

reglos stumm
oder mit Atem
Herzschlag Schmerzempfinden
in hellen in dunklen Zimmern
zu kämpfen zu lieben
zu träumen oder
nicht weiter zu wissen
schlaflos zu liegen
zu hoffen dass die Zeit
vergeht

Tobias Stengel hat ein langes, prägendes Leben künstlerischer Auseinandersetzung und Erfahrung hinter sich und hoffentlich erfüllte Tage vor sich.
Sei Vater, Gerhard Stengel, unterwies ihn als Kind behutsam: „Geh nie ohne Stift und Papier aus dem Haus.“ Denn, das sage ich, überall ist Zeichenland.
Der Begabtenförderung an der HfBK Dresden folgten Abendstudium, Hochschulstudium, keine Meisterschülerjahre. Die ganze Kette Dresdner Prägungen, die in der DDR, wenn man in einen Künstlerhaushalt hineingeboren wurde, möglich war.
Mit der Ausnahme, keine Steinmetzlehre absolviert zu haben. (Das ist ein Dresdner Spezialthema)
Nicht ganz grundlos steht die Plastik einer stehenden Figur aus dem Diplomjahr in dieser Ausstellung. Worauf verweist sie?

Wie all das durchbrechen?
Als Mitglied des Künstlerkollektives „Meier“ mit Christian Späte und Matthias Jackisch wird mit offenen Gestaltungsprozessen experimentiert. Es geht nicht um das Ergebnis. Es geht darum, es getan zu haben. Am Besten vor Ort. In kunstfernen Räumen. Aber in solchen, in den gemeinsamneue Erfahrungen gewonnen werden konnten. Das ist aufgeladen, denn es geschieht nicht im Atelier sondern öffentlich.
Den Figurenkanon versucht er hinter sich zu lassen.
Er orientiert sich an Denk-und Ordnungssystemen. Wichtig daran ist, das diese sich wirklich durchdringen, auffächern, auch sprengen, vervielfachen, aber als Ganzes auch eins sein können.
Die gruppendynamischen Prozesse und Verortungsversuche enden nach 1989 nicht nur für die Gruppe Meyer in individuellen Schritten in eine neue Welt. Das Vorleben wurde vom wirklichen Leben eingeholt, als ein gesamtgesellschaftlicher Prozess der Umformung und Bedeutungs- verschiebung.
Wie macht man da weiter?
Tobias Stengel`s nicht zu erschütterndes Interesse an Mathematik und Geometrie macht ihn zum subjektiv Forschenden. Der gelernte Baufacharbeiter hat ein klares Interesse an selbsterklärenden Anleitungszeichnungen. An aufgefalteten Modellen, die als Zeichnung in die Fläche übertragen werden. Und gehen wir diesen Schritt mit, das Auseinandergeschnittenes wieder zusammengeklebt werden kann, so verstehen wir einen Teil der Arbeitsmethode. Ein Prinzip, das jeder kennt und als Kind vielfach durchgespielt hat.
Auch hier werden Würfel, Vielecke, Kristalle als System einer Ordnung auf Systeme anderer Ordnungen wie Karten mit Höhenlinien, Grundstückskataster oder ganz aktuell in der Ausstellung Sudokuquadrate appliziert.
Sie sollen auf mögliche Orte verweisen, dass dort so gedacht, gebaut, gefunden, gelebt wird.
Das Aufgefächerte zeigt einerseits die Varianten einer plastischen Form und andererseits wird das zu betrachtende mitunter unübersichtlich. Es bedarf einer großen Vorstellungskraft.
Was muss ich also mitbringen, um zu begreifen, was vor sich geht, ohne es gleich als reine Ästhetik abzutun.

Tobias Stengel arbeitet mit Verve.
Er enthusiasmisiert seine Gedanken.
Er spricht von Entdeckungen auf dem Papier wie andere von Berggipfeln.
Er brennt dafür.
Diese Liebe läßt ihn exakte Linien ziehen, Flächen zeichnen und füllen, in immer neuer Kombination, in veränderten Winkeln, Verschiebungen, Projektionen.
Er hört Wissenschaftssendungen im Radio und liest im fetten Buch der Kombinatorik Helmut Lachenmanns. „Nicht das Erlebnis von Schönheit ist das Ziel des Komponierens, sondern die Erfahrung von Anordnung und Verwandlung ungewohnter Klangereignisse.“
Der Künstler ist rastlos.
Er raucht.
Er steht am Fenster und sieht den Hang hinab ins Tal zur Stadt.
Er geht zurück zum Arbeitstisch mitten im Zimmer und schlägt die Mappe mit den Zeichnungen auf. Jede ist auf ein gesondertes Papier montiert. Er kann es sofort rahmen. Das ist ihm wichtig. Er muss sich überzeugen. In Reihen, in Anordnungen, letztendlich in Zuweisungen, die er selbst bestimmt. Er ist beständig auf der Suche nach einer neuen plastischen Form.

In einer Krisensituation fängt er an Sudoku zu spielen. 9x9 Quadrate, mehr als ein aufgefächerter Würfel. Hier hinein verbindet er Zahlen miteinander. Konstruiert sozusagen Flächen um einen gedachten Mittelpunkt. Er überträgt die Formen auf größere Bögen und verschiebt in der Fläche die Überlagerung der nächsten Form nach oben. Und die Nächste und die nächste. Damit das erkennbar bleibt in Graustufen auf dem Papier, in Farbstufen in Mdf.
Das spiel von Überlagerung und Zergliederung kann soweit getrieben werden, dass keine Form mehr sichtbar wird, sondern nur noch Struktur.
In dieser Balance sind die Arbeiten und oft genug bricht er darüber ab und lacht.

Das Erforschen all dieser Möglichkeiten ergießt sich in Reihen von Zeichnungen, Faltungen, Gouachen die weiter in Modellen erprobt werden müssen.
Entscheidend für die einmal konstruierten Flächen ist der Abstand zueinander, der im Übereinanderschichten keine Säule, keine Stele, sondern wieder Figur wird.
Ohne Extremitäten. Aufgerichtet einer Wirbelsäule gleich, in der sich alle Teile um eine Achse, wie in einem Gedankenfaden bewegen. Der Mantel der sie umschließt greift nicht nach dem Querschnitt ihrer Wirbel. Und so sind die Teile gleichzeitig als ein Aufeinander und Zueinander zu verstehen. Als eine Gleichung für Verwandlung von konvex zu konkav, von spitz zu stumpf, von Quadrat zu Vieleck vom Grund zum Firmament, von der Draufsicht zum kubistischen Spiegel, vom Fragment zum Panorama de Ansichten, von der Figur zur Architektur vom Denken zur Welt.

Es gibt keinen abschließenden Satz.
Ich höre einfach auf zu reden.
Denn Tobias stengel schafft und schöpft ja noch.
Alles ist im Fluss.

Danke.