Beate Terfloth
Moving / Bewegen
01.09.2023
—
20.10.2023
Eröffnung
01.09.2023, 20 Uhr
Kuratorengespräch
geboren in Hongkong, lebt in Salzburg und Berlin
seit 2009
Professur für Zeichnung und Grafik, Universität Mozarteum Salzburg Studienjahr 19/20 Departmentleiterin, seit 2019 Mitglied des Senats
2007 – 2009
Lehrauftrag, Leitung der Klasse Raumkonzepte, HfK Bremen 1994 – 1998 DAAD Langzeitdozentur am National College of Arts, Lahore 1986 – 1992 DAAD Stipendium nach Rom und bleibt dort
1979 – 1986
Studium an der Hochschule der Künste Berlin und der Kunstakademie München bei Johannes Geccelli und Günter Fruhtrunk
1977 – 1979
Studium der Kunstgeschichte, Indologie und Archäologie in Freiburg und Bonn
STIPENDIEN, PREISE, RESIDENCIES
2021
Residency an der Cité des Arts, Paris
2016
Kunstpreis Charlottenburg, Berlin
2016
Residency beim Österreichischen Kulturforum, Teheran, Iran
2014
Residency bei der China Central Academy of Arts (CAFA), Beijing
2007
moving spirirts Projektstipendium von Khoj, New Delhi, Indien, den Franckeschen Stiftungen zu Halle und der Werkleitz Gesellschaft, Halle
1994
ars viva Kunstpreis 94/95, Zeichnung und Raum
1993
Projektförderung durch die Stiftung Kunstfonds, Bonn
1991
Zeichenstipendium Nürnberg
1990
Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg
1989
Preis des Deutschen Künstlerbunds
1986 – 87
Jahresstipendium des DAAD nach Rom
EINZELAUSSTELLUNGEN
2023
Queren, eine akustische Befragung, Kollaboration mit Achim Bornhöft und Reinhard Gupfinger, Extrazimmer X, Mozarteum University
Für die Vögel, Museumspavillon/Vogelhaus, Salzburg
2022
Imaginary Homelands, Galerie Clement, Bonn
2021
Museum Goch
2019
Galerie Inga Kondeyne, Berlin (im August)
2017
Running Clouds, Dialog mit japanischen enso, Claudia Delank, Berlin
2016
Katharina Hinsberg / Beate Terfloth, Museum DKM, Duisburg
Kunstpreis 2016, Kommunale Galerie, Berlin
2015
Beate Terfloth / Kazuki Nakahara, Galerie Inga Kondeyne, Berlin
Katharina Hinsberg / Beate Terfloth, edith wahlandt galerie, Stuttgart
2014
ZuSpiel Schatten Licht, Museum Moritzburg, Halle / Saale (mit Nancy Jahns)
2013
Performative Wandzeichnung, Schaustelle der Pinakothek der Moderne, Staatliche Graphische Sammlung München
2012
Placement, Mies van der Rohe Haus, Berlin | Elements of Drawing, Rhotas 2, Lahore
2010
Graphen, Galerie Inga Kondeyne, Berlin
2009
meet you at the corner, Wandzeichnung, Galerie Kunstwerk, Mozarteum, Salzburg
2007
Terre à l’amande, Grange House, the Gallery, Guernsey, Channel Islands, UK
2006
Chennai New Delhi Gadani Lahore Chilas edith wahlandt galerie, Stuttgart
2002
Allah-o-Akbar, basement 11, Galerie Markus Richter, Berlin
Three walls, Galerie i8, Reykjavik, Island und Galerie Michael Zink, München
Kreisen, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe und Museum Goch
2000
You are my life, Lakshmi Chawk, Lahore
Die Farbe hat mich, Kunstverein Arnsberg (mit Ulrich Moskopp)
1999
Zeichnung heute, Kunstmuseum Bonn
1996
Rohtas Gallery, Islamabad
1994
Alkoven, Kunstwerke, Berlin
Wand/Zeichnung, Akademie der Künste, Galerie am Pariser Platz, Berlin
1992
Galleria Giorgio Persano, Turin (mit Tina Bepperling und Laura Ruggieri)
1991
Beate Terfloth, Kunsthalle Nürnberg
1990
Room/Drawing, Nexus Contemporary Arts Center, Atlanta, Ga.
1988
Beate Terfloth – Grenzsituationen, Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach
AUSSTELLUNGSBETEILIGUNGEN
2023
„Von Blatt zu Blatt, Wege der Zeichnung, Galerie Parterre und Kunstsammlung Pankow
in Zusammenarbeit mit dem Berliner Kabinett e.V., Galerie Parterre, Berlin“
Bildet Banden/Band together, Galerie Setareh, Berlin
Minimalismus, Museum fuer Asiatische Kunst, Humboldt Forum, Berlin
2022
Über die Zeichnung hinaus; Zeitgenoessische Zeichnung in Berlin, Zentrum für
Aktuelle Kunst, Berlin – Spandau
2021
Zwischenzeit, Kunstwerk, Sammlung Klein, Eberdingen
2019
Kaleidoskop Seidenstraße, Kunstverein Potsdam (im Mai)
Der Linie folgen, edith wahlandt galerie, Stuttgart
2018
Non-light, Mark Making as Insurrection, Griffin Art Projects, Vancouver, Canada
Auf der Ganzen Linie, Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg
Sexy and Cool, Minimal goes emotional, Kunsthalle Tübingen
Skizzenbuchgeschichten, Staatliche Graphische Sammlung, München
mit Rot, edith wahlandt galerie, Stuttgart
2017
Standard International #4 Spatial Clearing, loop, Berlin
In den Raum zeichnen, Haus am Kleistpark, Berlin
2016
Blind!Date, Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg
2015
Linien – Musik des Sichtbaren, Staatliche Graphische Sammlung, München
2012
Every wall is a door, Salzburger Kunstverein, kuratiert von Manuela Ammer
Celebrating Art: 30 Years of Rhotas, National Art Gallery, Islamabad
2011
Berlin zeichnet, Museum Ludwig, Koblenz, Kunstfoyer, München,
Stadtgalerie Kiel und Galerie der Stadt Sindelfingen
2010
Sweet anticipation, Salzburger Kunstverein, kuratiert von Övül Dormosoglu,
Am Rande der Balance Paradoxien des Instabilen, Galerie 5020, Salzburg
2009
Gegenwart der Linie, Staatliche Graphische Sammlung, München
2008
Drawing Process, Green Cardamom, London
2007
Tanzen, Sehen., Museum für Gegenwartskunst Siegen und Ver, Bailar.,
Centro Andaluz de Arte Contemporaneo, Sevilla
2006
moving spirits, Franckesche Stiftungen und Werkleitz Gesellschaft, Halle
2005
Interventionen. Stadt – Raum – Kirche 7 Kunststationen in Brandenburg, kuratiert
von Eugen Blume: Allah-o-Akbar, Videoinstallation, Marienkirche, Prenzlau
2002
Basics, Kunsthalle Bern
1998
Coopera Gallery, Lahore
1995
ars viva 94/95 Zeichnung und Raum, Kunsthalle Baden-Baden,
Städtische Kunstsammlungen Chemnitz und Kölnischer Kunstverein, Köln
Scope, NCA Gallery, Lahore
in struggle together, Alhamra Arts Center, Lahore
1994
Übergangsraum, Gesellschaft für aktuelle Kunst, Bremen
Luoghi – quaranta per quaranta, Galleria Eva Menzio, Turin
1993
artedomani 1993 punti di vista, Incontri Internazionali d’Arte, Spoleto
1987
Raumarbeiten, Augartenschloß, Wien
ARBEITEN IN ÖFFENTLICHEN SAMMLUNGEN
Berlinische Galerie, Berlin | Kupferstichkabinett, SMB, Berlin Sammlung der Bundesrepublik Deutschland, Berlin Kunstmuseum Bonn | Städtische Galerie Villa Merkel, Esslingen | Kunstraum Alexander Bürkle Freiburg | Museum Goch | Sammlung Naeem Pasha, Islamabad Staatliche Kunsthalle Karlsruhe | Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach | Westfälischer Kunstverein, Münster | Staatliche Graphische Sammlung, München | Neues Museum in Nürnberg | Kunsthalle Recklinghausen | Sammlung Schaufler, Sindelfingen | Staatsgalerie Stuttgart Daimler Art Collection, Stuttgart und Berlin
Konzentriert in eine Fläche schlittern
Papier ist ein freundliches Material und gibt mir die Oberfläche voller Möglichkeiten. Beim Zeichnen bewegt sich die Linie in die Fläche hinein, in fremde Gegenstände. Die einzelne Linie, denn ich zeichne eine zu einer Zeit, nicht gleichzeitig mehrere.
Daneben grasen Schafe oder ist das Weiß.
Die Linien sind Übersetzungen von Landschaftslinien, beobachtet oben in der ersten Reihe aus einem fahrenden Fernbus. Das ist eine Überforderung – die Perspektiven verschieben sich dauernd. Ich verfolge sie mit den Augen und der Hand, solange ich sie sehe. Dann blättere ich um und zeichne. Ohne Begrifflichkeit ohne Ziel.
Der Moment des Sehens wird. zum fortgesetzten Moment der Begegnung von Weiß und einer Linie – und von mir und Unbekanntem. Das ist intensiv und macht süchtig. Glück ist etwas Plötzliches.
draw#16, Revolver Verlag, 2023, hrsg. Nora Schattauer
Kirsten Jäschke
Liebe Besucher, liebe Beate,
es fällt mir schwer der Arbeit Beate Terfloths anders als positiv aufgeregt, ja glücklich und damit relativ distanzlos zu begegnen. Nun musste, oder wollte ich darüber nachdenken woher diese Freude kommt. Und kam kurz gesagt zu dem Schluss es ist diese aufregende, von Anmut und Offenheit erfüllte Ruhe darin.
In Beate Terfloths Arbeiten geht es wie der Titel der Ausstellung schon sagt oft um Moving/ Bewegung. Was hat das mit Ruhe zu tun?
in der Choreographie von Beate Terfloths Zeichnungen und Interventionen steckt kein Fortschreiten oder ein Antrieb der zu irgendeinem Ziel führt. Zum Glück.
Schaut man sich zum Beispiel die Wand mit den Neonröhren und der daran anschließenden Zeichnung an ist es ein wenig, als gehe man aufmerksam aber absichtslos spazieren, auch wenn hier der Spaziergang vorwiegend mit den Augen stattfindet. Beim Abschreiten der Wand und des Raumes und sei es nur mit Blicken entsteht durch die stets in Veränderung begriffene Wahrnehmung leise aufeinander folgender Impulse eine Bewegung. Diese Bewegung hat aber nichts Getriebenes, auf oder von einem Zentrum drängendes, sondern in dieser Form von Lebendigkeit liegt eine große Ruhe. Nichts drängt sich expressiv in den Vordergrund, die Zeichnung fügt sich im Gegenteil mit beiläufiger Selbstverständlichkeit in den Raum ein und öffnet den Blick auch dafür.
Es gibt noch einen Widerspruch der aber hier keiner ist: Die Bewegung die Beate Terfloth während des Zeichnens ausführt, lässt sich beim Betrachten beinahe körperlich nachvollziehen. Diese an den Körper gebundenen Bewegungen sind einerseits radikal subjektiv, ja intim, treten aber nicht als die Stimme eines Einzelnen hervor. Das sehr Persönliche des Zeichenprozesses löst Distanzen auf, denn diese an den Körper gebundenen Bewegungen sind universell lesbar, vor allem weil sich das persönliche dieser Darstellung nicht expressiv aufdrängt, sondern eine leichte Beiläufigkeit behält.
Beate Terfloths Zeichnungen und Eingriffe sind nicht so abstrakt, wie sie vielleicht zunächst scheinen. Die Wandzeichnung hier zum Beispiel beruht auf einer früheren Landschaftszeichnung, aus einem der zahlreichen Skizzenbücher in der Beate Landschaftseindrücke in feinen, knappen Bleistiftzeichnungen festhält. Diese Notate bilden einen Fundus für Wandzeichnungen wie diese.
Anklänge an die frühere Zeichnung stehen also nun in einen neuen Kontext gestellt im Raum und verbinden sich mit allem anderen Wahrnehmbaren hier zu einer neuen Gegenwart die sich fortlaufend verändert, sei es durch wechselnde Lichtverhältnisse oder neu eingenommene Perspektiven. Die sich plastisch von der Wand abhebende Zeichnung der Neonröhren steht in einem lebendigen Bezug zu den grauen Bleistiftlineaturen rechts ohne den leeren Raum dazwischen zu verdrängen, im Gegenteil, er ist präsenter denn je. Selbst die Vitrinen links bekommen in diesem Zusammenhang beinahe skulpturale Qualitäten. Die zarten, wie mit Blindschrift versehenen Bleistiftzeichnungen darin sind zwar auch für sich allein schön, gehen aber hier in der seriellen Anordnung auf.
Der koreanische Philosoph Byung-Chul Han beschreibt in seinem Buch zur Philosophie des Zen Buddhismus die eigentümliche Schönheit einer solchen alles offen aufnehmenden Herangehensweise, in der nichts für sich isoliert stehenbleibt oder in sich verharrt anhand einiger Landschaftsbilder eines von ihm geschätzten Künstlers. Die Beschreibung passt aber auch sehr gut zu Beate Terfloths Arbeit.
Eine Scheu hält die Artikulation in einer eigentümlichen Schwebe. In einer Losgelöstheit schweben die Dinge zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Sein und Nicht -Sein. Sie sprechen nichts Endgültiges aus. Nichts drängt sich auf; nichts grenzt sich, schließt sich ab. Alle Figuren gehen ineinander über, schmiegen sich an, spiegeln einander (...) Das Eigentümliche an dieser Landschaft ist, dass die Leere die besondere Gestalt der Dinge nicht einfach zum Verschwinden bringt, sondern in ihrer anmutigen Anwesenheit leuchten lässt. Einer aufdringlichen Präsenz fehlt jede Anmut.
In den Titeln von Beate Terfloths Arbeiten tauchen häufiger die Namen von ihr geschätzter Künstler oder Literaten auf, wie zum Beispiel der berühmte Haiko - Dichter Basho oder die Verfasserin des etwa im Jahr tausend entstandenen Kopfkissenbuches der kaiserlichen Hofdame Sei Shonagon, das eines der bekanntesten Bücher der japanischen Literatur ist.
Man könnte mutmaßen, das Herbeizitieren derlei asiatischer Berühmtheiten solle den Arbeiten zu höheren, etwas abgehobenen Weihen verhelfen, aber beim genaueren Hinsehen passiert das Gegenteil. Die beiden Dichter interessieren sich ebenso wenig wie Beate Terfloth für etwas Transzendentes, also für etwas jenseits der Erfahrung des sinnlich Greifbaren, anschaulich Gegebenem. In sehr knapper Form hingeworfen, dabei aber formvollendet, widmen sich alle drei universellen, zeitlosen Phänomenen wie bei den beiden Dichtern natürlich Bergen oder Flüssen, aber auch den schön miteinander kontrastierenden Farben festlicher Gewänder, oder schnarchenden Liebhabern.
Mühelos, mit der Leichtigkeit und Gegenwärtigkeit eines Cafebesuchs begegnen sie sich also in diesem assoziativen Rahmen, tausend Jahre und unterschiedlichste kulturelle Kontexte wie ein Nichts überbrückend - vorausgesetzt natürlich der Betrachter verbindet etwas mit den Namen und es entstehen Bilder dazu in seinem Kopf , die sich mit dem Gesehenen zu einer neuen, flüchtigen Gegenwart vermischen.
Diese Ausstellung erzählt nicht zuletzt auch von der Freude am Zeichnen.
Die Hofdame Sei Shonagon schrieb im Kopfkissenbuch:
»Wenn mir das Dasein so zuwider ist, dass ich vor Abscheu keinen Moment länger leben, sondern einfach spurlos verschwinden möchte, brauche ich bloß gewöhnliches, schön gebleichtes und sauberes Schreibpapier und einen ordentlichen Pinsel in die Hand zu bekommen, meinetwegen auch weiß gefärbtes oder Michinoku Papier, um vollkommen getröstet zu sein. Dann sage ich mir, nun gut, dann werde ich das Leben noch eine Weile ertragen können. Und wenn ich mir dann noch ein blaues, sauber gearbeitetes, dickes Sitzkissen hinlege, dessen schwarzes oder weißes Stickmuster auf dem Rand deutlich mit dem Blau kontrastiert, schöpfe ich neue Zuversicht, dass auch künftig das Leben durchaus lebenswert und ein Verzicht darauf bedauerlich wäre.«
Wir, damit meine ich unser Galerieteam, also Thomas Matauschek, Henry Puchert und mich sind sehr froh und dankbar, dass Beate Terfloth eine Arbeit speziell für diesen Raum geschaffen hat. Er hat jetzt tatsächlich eine andere Präsenz. Bewegung und Ruhe bilden hier keinen Widerspruch und das Einzelne kann sich im Ganzen verlieren ohne darin zu verschwinden.
Es lohnt sich also noch einmal herzukommen um bei Tageslicht darin einzutauchen.
Jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.