Galerie Adlergasse

Info

Juliane Laitzsch

einmal, zweimal, …

09.09.2024

25.10.2024

Eröffnung

06.09.2024, 20 Uhr

Kuratorengespräch

11.10.2024, 20 Uhr

Juliane Laitzsch

Kirsten Jäschke

Eröffnungsrede

Liebe Besucher, liebe Juliane,

wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind.

In einer ihrer ersten Mails an mich schrieb mir Juliane Laitzsch, es gehe ihr nicht um Ausdruck sondern um Eindruck, wobei die beiden Begriffe - wohl um die Dringlichkeit zu betonen - ausdrucksstark fett gedruckt waren. Die Mail hinterließ bei mir ein leichtes Befremden. Ich hatte mich in die beschwingten, lebendigen Rhythmen, den luxuriösen Überschwang und fein durchkomponierten Aufbau mancher Blätter sowie die beiläufige Eleganz und den nonchalanten Humor in mancher ihrer Arbeiten verliebt und das als eine persönliche Formulierung aufgefasst.

Es ist offensichtlich, Zeichnung und Farbe dienen hier nicht zur expressiven, dramatisierenden Aufladung erzählerischer Bildelemente oder gar zur ästhetischen Psychotherapie, indem der Künstler zum Gemeinschaftsbad im menschlich allzu menschlichen Elend einlädt, wie der Kunsthistoriker Beat Wyss sich einmal boshaft zum deutschen Expressionismus äußerte. Sie sind vor allem Mittel, um Bewegung, Raum und Stofflichkeit zu visualisieren.

Sicher, Juliane Laitzschs Arbeit beruht fast zur Gänze auf Eindrücken von vorgefundenen Gegenständen und Mustern. Ihre Zeichnungen sind in einem manchmal wörtlich zu nehmenden handschriftlichen Aneignungsprozess entstandene Umwandlungen und Abschriften von Mustern, Ornamenten und kulturwissenschaftlichen Textauszügen aus verschiedensten Kontexten. So sehen Sie hier zum Beispiel in wolkiger Anordnung Zeichnungen die Laitzsch zu floralen Dekoren von Exponaten der kunsthandwerklichen Sammlung der Pfalzgalerie in Kaiserslautern machte und ihnen damals in einer Ausstellung gegenüberstellte.

Aber dennoch, wenn Laitzsch die so gleichmäßig wie sparsam auf einer Fayence - Kaffeekanne aus dem späten 18. Jahrhundert aufgemalten Blümchen von der wie ein Sinnbild einer ans Häusliche gebundenen, behäbigen Gemütlichkeit dastehenden Form löst und in die Weitläufigkeit des Ornamentalen entlässt, passiert Ungeheuerliches. Die Blümchen, offenbar schon immer wild at heart, dehnen sich nun gleichsam entfesselt im Rechteck der Zeichnung aus, wuchern, verdichten sich stellenweise bis zur Unkenntlichkeit und lassen sich scheinbar nicht bremsen im Rausch der Entgrenzung. Das gleicht einem ausdrucksvollen Befreiungsschlag.

Das streng stilisierte, in ein Weinglas eingeschliffene Dekor aus Linien und Beerentrauben steigert sich losgelöst vom Objekt, wie es im Katalog zur Ausstellung treffend beschrieben ist, in der Zeichnung zu einem Taumel des Raumes.

Auch sonst mangelt es nicht an Brüchen und mehr oder weniger humorvollen dramatischen Wandlungen.

Hier rechts sehen Sie zum Beispiel eine Reihe von Zeichnungen zu einem Amsterdamer Diamantarmband. In subversiver Unschuld hat Laiztsch nicht etwa das Armband selbst als Vorlage für ihre Zeichnung genommen, sondern ein im Druck noch unschärfer gewordenes Schwarz–Weiß–Foto aus einer Broschüre. Die räumliche Tiefe der Steine, die je nach Perspektive des Betrachters in einem bewegten Flirren und Glitzern ihrer Oberfläche aufgeht, fehlt in der Zeichnung ebenso wie jeder Eindruck von ihrer Härte und Scharfkantigkeit. Je nach persönlicher Gestimmtheit, kultureller und sonstiger Prägung hat jeder ein anderes Verhältnis zu diesen Mineralien und nimmt sie dementsprechend anders wahr. Für den einen sind sie Inbegriff der Kostbarkeit, Symbol für Teilhabe am Glanz der Götter und Könige und Körper gewordene Unvergänglichkeit; für andere wie für den Chemiker Leopold Ruzicka wegen ihrer langweiligen Gitterstruktur nichts als chemische Friedhöfe. In Juliane Laitzsch Zeichnungen werden die Steine zur fleckig bewegten Textur, deren Materialität und Farbigkeit sich in Zeichnungen zu anderen Themenbereichen hier im Raum wiederfindet.

Diamanten bestehen aus verdichtetem Graphit und sind chemisch weit weniger stabil als gemeinhin angenommen. Der zum Zeichnen verwendete Bleistift besteht also aus dem Staub, aus dem die Diamanten sind und zu dem diese zum Beispiel durch große Hitzeeinwirkung auch wieder werden.

Was ist kostbar, was banal, gibt es einen Unterschied? Diese Frage steht von nun an im Raum.

Ornamente sind nicht auf die Grenzen eines Raums oder einer Form im Sinne einer Komposition bezogen. In ihnen manifestiert sich Unendlichkeit im Körperhaften. Diese im Ornament angelegte ruhige, gleichförmige, unendlich fortsetzbare Ausdehnung ist per se undramatisch. Jenseits von Tafelbild und Zentralperspektive lassen sich die hier dargestellten, zwar im Rechteck des Papierformats gezähmten, aber den Drang zur ornamentalen Entgrenzung beibehaltenden Musterformationen variabel neben- und übereinander präsentieren und folgen so auch dem Prinzip der räumlichen Ausdehnung.

Die einem einzelnen Ornament innewohnende Ruhe wird aber durch das Fragmentarische der Aneinanderreihung der verschieden gemusterten Blätter gestört. Einzelne Rhythmen, Farben und Muster ziehen sich in Variationen durch die ganze Ausstellung. Es entsteht ein immer wieder neues Gewebe von Relationen, deren Ordnung und Anspruch auf eine den Gegenständen entsprechende Interpretation letztendlich keine allgemeingültige, aber eine subjektiv empfundene Wahrheit hervorbringt.

Selbst einzelne Haare aus der Mähne des fressenden Pferdes draußen im Video scheinen in einer geheimnisvollen Verbindung zu den Fasern der in starker Vergrößerung gezeichneten Bruchstücken antiker Textilien zu stehen.

Die sich aus der Präsentation der Gegenstände entwickelnde Textur greift in den Raum aus, definiert ihn und verschmilzt mit den räumlichen Begrenzungen. Wenn Laitzsch dann das freibleibende Volumen via Klanginstallation noch mit dem Geräusch gleichförmigen Schmatzens eines fressenden Pferdes füllt, wie sie es gerade gehört haben, vermischen sich akustische und visuelle Rhythmen, und die sehr persönliche Aneignung auch der örtlichen Gegebenheiten ist auf die Spitze getrieben.

Das ist eine ziemlich kraftvolle und entschieden subjektive Art, das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen zu etablieren. Ich würde es als eine Spielart persönlichen Ausdrucks bezeichnen, vielleicht getrieben von der Sehnsucht, sich mit der Aneignung von Vorgefundenem in etwas Universelles und Überzeitliches einzubetten.