Galerie Adlergasse

Info

Benno Blome

Wälder, Wolken, Wasser, Wind

04.04.2025

23.05.2025

Eröffnung

23.05.2025, 20 Uhr

Kuratorengespräch

23.05.2025, 20 Uhr

Benno Blome

Geboren 1977 in Dresden, lebt und arbeitet in Karlsruhe und Dresden.

Er studierte Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris.

2012 war er Meisterschüler bei Franz Ackermann.

AUSSTELLUNGEN

u.a. im Haus der Kunst, München, im Museum Ulm, im Kunstverein Wilhelmshöhe, Ettlingen, in der Städtische Galerie Karlsruhe, im Wilhelm Hack Museum Ludwigshafen, im Kunsthaus L6, Freiburg, in der Galerie Maquis Mami Wata, Mannheim, im Kunstverein Familie Montez, Frankfurt a.M. sowie im Syndicat Potentiel und La Chaufferie in Strasbourg.

Ein Rabbiner durchquerte ein Dorf, ging in den Wald, und dort, am Fuß eines Baumes, betete er. Und Gott hörte ihn. Auch sein Sohn durchquerte dieses Dorf. Er wusste nicht mehr, wo der Baum war, und betete also an irgendeinem Baum. Und Gott hörte ihn.
Der Enkel des Rabbiners wusste weder, wo der Baum war, noch wo der ganze Wald war. Er ging zum Beten in das Dorf. Und Gott hörte ihn. Der Urenkel wusste weder, wo der Baum war noch der Wald noch das Dorf. Aber er kannte noch das alte Gebet. So betete er zuhause. Und Gott hörte ihn. Der Ururenkel kannte weder den Baum noch den Wald, noch das Dorf noch das Gebet. Er kannte aber noch die Geschichte und erzählte sie seinen Kindern. Und Gott hörte ihn.
Jüdische Legende

Thomas Matauschek

Eröffnungsrede

»… Der Titel lässt an eine Landschaft denken. Doch bekanntlich weht der Wind wo er will und Wolken und Wasser sind flüchtige Gestalten. Nur der Wald verheißt dem Tier etwas Ruhe. Somit scheint im Titel auch das Motiv der Reise auf, das dieser Ausstellung zugrunde liegt.« So Benno Blome vorab

Im Ausstellungstitel steckt eine sprachliche Alliteration: Die Sprachfigur eines Tautogramms. Jedes Wort beginnt mit dem gleichen Buchstaben, dem W. Das W steckt auch in der Erzählung, die durch die Abfolge der Wörter entsteht. Zweimal Mehrzahl: Wälder und Wolken. Zweimal Einzahl: Wasser und Wind. Durch Wälder kann der Weg führen aber man befindet sich immer gerade nur in dem einem Wald.
Vorab schickte der Künstler auch Verse, die ihn zur Ausstellungskonzeption anregten. Den Autor wollte er nicht verraten.
The woods a lovely dark and deep But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep.

Mit diesen Versen endet das Robert Frosts Gedicht
»Stopping by Woods on an Snowy Evening« von 1922
Man befindet also mitten im Wald zwischen Stämmen und muss beim Laufen nach unten auf den Waldboden schauen. Auf einer Lichtung richtet sich der Blick nach oben zu den Wolken am Himmel. Man gelangt vielleicht an einen See, schaut auf das Wasser. Wind kräuselt das Wasser. Der Blick richtet sich wieder nach oben, um in den Baumwipfeln die Richtung des Windes zu lesen. Die Bewegung dieses Schauens lässt sich durch ein W beschreiben. Von oben nach unten, von unten nach oben und wieder runter und hoch.
Die Schrägen sind der Weg.
Vielleicht ist es mittlerweile Nacht geworden und man kann das Himmels-W entdecken. Die Sterne sind die Punkte, die wir zum Bild verbinden. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade. So beginnt die Zeichnung. Die Zauberzeichnung scheint ihre einfachste Form zu sein, so selbstverständlich wie der Künstler das Wort ausspricht. Diese Zauberzeichnungen sind aus realen Erlebnissen abstrahiert. Dabei sind die Linien wie Zeichen, die ein Wortbild formen. Aus diesen Ideogrammen wählt der Künstler aus um Wandzeichnungen zu entwerfen oder sogar choreografische Abläufe zu bestimmen. Es geht also von der Abstraktion zurück ins Lebendige, Unerwartete. Darin liegt Zauberei ohne Tricks. Missverständnisse sind willkommen und führen zu überraschenden Abwegen.

Die Wände werden mittels der Pinselzeichnungen durchlässig. Bewegungen erfolgen im Zickzack innerhalb von Feldern, selten erscheint ein Bogen. Feld an Feld entstehen zarte Gitter. Partiell überlagert werden diese Gitter durch Malereien, also Rahmen die mit
Gewebe bespannt sind. Außerdem werden Rahmen zum Gerüst in Form eines Paravents. Davor Vögel zwischen Wolken im Flug. Menschen müssen sich ausruhen. Sie chillen. Die Figuren wirken naiv, etwas kümmerlich, auf jeden Fall sehr verletzlich. (Kläglich gebogene Finger, schrieb Kunsthistoriker Werner Schade über die Hände auf den Porträts von Lukas Chranach.)
Trotz ruppigem Pinselauftrag sind die Figuren atmosphärisch eingebettet. Dafür sorgen die stark farbigen Untermalungen. Diese sind teilweise grell. Angenehm ist dieses Licht nicht, verglichen mit Pierre Bonnards Licht. Über Störstellen, die einen von seinen Bildern anspringen freut sich der Künstler: Der gelbe Fleck der unintegriert einen halben Meter vor der Leinwand schwebt, oder die eingeklebte Viagra-Packung in einer kleinen Landschaft.
Warum eine volle Packung wegwerfen?. Eigentlich schmeißt man doch nur leere Packungen weg. Jedenfalls sehen die blauen Pillen in silbriger Verpackung schön aus vor dem gelben Hintergrund.
Durch blaue Farbe Farbe werden abgeschälte Äste zur plastischen Zeichnung und mittels Rollen wird sie fahrbar gemacht. Ein Bild für Entwurzelung. Der Ast am Baum braucht Licht. (Wie wir auch.) Das Paradoxon: Hier leuchtet er selbst mit Leuchtstoff. Das orangene Kabel ringelt sich in die Wand. So sieht Malerplastik heute aus.
Vor seinem Kunststudium hat Benno Blome zwei Jahre Philosophie in Rom studiert.
Am liebsten ist ihm der Philosoph Ludwig Wittgenstein mit seiner Kritik an der Sprache, oder besser der Einsicht in die Unmöglichkeit außerhalb der Sprache zu denken. Er schätzt die Naivität mit der Wittgenstein Gedankengebäude zerlegt und die Einzelteile anschaut.

Zitat Witthgenstein:
»Die Bedeutungen der einfachen Zeichen (Wörter) müssen uns erklärt werden, daß wir sie verstehen.
Mit Sätzen verständigen wir uns.
Es liegt im Wesen des Satzes, daß er einen neuen Sinn mitteilen kann. Ein Satz muss mit alten Ausdrücken einen neuen Sinn mitteilen.«

Das erinnert doch an die Striche der Zauberzeichnungen. Benno Blome setzt sie immer wieder anders zusammen in der Hoffnung auf eine unverbrauchte neue Bildsprache und dass wir sie verstehen.