Ingo Garschke
Zeichnung Grafik Plastik
06.06.2025
—
25.07.2025
Eröffnung
06.06.2025, 20 Uhr
Kuratorengespräch
20.06.2025, 20 Uhr
1965
geboren in Saalfeld/Thüringen
1987–92
Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden
1990
DAAD Stipendium an der Akademie der Bildenden Künste München
1991
Förderpreis des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft
1992
Diplom als Bildhauer an der HfBK Dresden
Gründung des Kunsthauses und der Produzentengalerie Pratzschwitz
1992–98
freischaffender Bildhauer in Dresden
1995
Alpenüberquerung mit dem Maler Henry Puchert,
seitdem Beschäftigung mit Landschaftszeichnung
1996–97
Arbeit an der Anatomischen Sammlung der HfBk Dresden,
Studien zur Morphologie der Säugetiere und Vögel
1998
Berufung an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig als Dozent für Anatomie und figürliches Zeichnen
1999
Herstellung zahlreicher Skelettpräparate und bildkünstlerische Arbeit zum Tierskelett
2002
Bergung und Skelettpräparation eines gestrandeten Pottwals
2004
Professor für Künstlerische Anatomie und Zeichnerisches Naturstudium an der HGB Leipzig
2007
Antarktisexpedition
2008
Arktisreise nach Spitzbergen
2010
Freitod
AUSSTELLUNGEN
(A) AUSSTELLUNGSBETEILIGUNGEN
2008
Kunsthalle whiteBOX München (A)
2007
Kunsthalle Wittenhagen (A) | Galerie der HGB Leipzig
2006
Galerie Hübner, Frankfurt a.M.
2005
Stadtmuseum Grimma mit H. Puchert
2003
Saale Galerie, Saalfeld
2002
Institut für Anatomie der Universität Leipzig
2001
Leipziger Jahresausstellung (A)
2001
Neue Sächsische Galerie, Chemnitz (A)
1997
Galerie M, Berlin (A) | Galerie des Staatsschauspiels Dresden
1996
Galerie Himmelreich, Magdeburg mit A. Lange | Bautzener Herbstsalon (A)
1995
Leonhardi Museum, Dresden mit A. Küchenmeister, B. Staerk und H. Puchert
Kunsthalle Bad Homburg mit T. Baumheckel
1994
Dresdner Schloß (A)
1993
Sächsischer Landtag mit H. Puchert und B. Staerk | Galerie XAX, Frankfurt a.M.
1992
Kunsthalle Saarbrücken (A), Stadtgalerie Jena
1991
Kunsthalle Bonn (A)
1989
Galerie Wort und Werk, Leipzig mit H. Lippmann und T. Reichstein
Henry Puchert
Zeitsprung
1824 schrieb Wilhelm Müller das Gedicht die Krähe.
Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.
Krähe, wunderliches Tier,
Willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen?
Nun, es wird nicht weit mehr gehn
An dem Wanderstabe.
Krähe, laß mich endlich sehn
Treue bis zum Grabe!
Franz Schubert vertonte es 1827 als Teil des Liederzyklus „Die Winterreise“.
Das Leben in Balance zu halten, es überhaupt auszuhalten, ist Aufgabe für jeden von uns. Einen Weg, den Verwerfungen des Lebens zu begegnen, kann in der Kunst bereitet werden. Etwas zur Sprache bringen, von sich wegzugeben, es öffentlich werden lassen. Die eigenen, seismographischen Werkzeuge zu schulen, zu schärfen, um sicher in einem nicht immer bewußten Vorgang des Aufzeichnens, das Ringen um Leben und Form auf dem weißen Bogen sichtbar zu machen.
Ingo Garschke, hat, als ich ihn 1988 in Dresden an der HfBK kennenlernte, Situationen gesucht, die von existenzieller Herausforderung, ich würde sagen von Experimenten mit sich selbst, geprägt waren. Gleich ob es das Tätigsein in der Pathologie, das Wildern in den Wiesen, das Durchwühlen der Asberge der Abdeckerei, der KopfüberSprung in die Newa, die Münchner Nächte mit Rosa von Braunheim, Pratzschwitzer Bautage, die Stürze in den Bergketten der Alpen, das Leben an entlegenen Inselstellen im Mittelmeer, der Arktis und Antarktis, das Bergen eines gestrandeten Pottwales oder Kairoer Wüstentage waren. Er hat versucht in diesen Akten einen Grund, eine Basis zu finden. So als könnte nicht nur etwas bewiesen, sondern vorallem freigelegt werden. Er hat dies aber nie allein getan. Begleiter waren Freunde, seine Frau und seine Tochter.
Natürlich waren alle Experimente zutiefst mit dem Draußensein, mit dem Durchhalten einer Situation verbunden, mit dem Wissen, was es braucht, um zu überleben. Ich möchte jetzt keine kunsthistorischen Kontexte aufzeigen, was es alles schon an künstlerischen Selbstexperimenten bis zu den zeitgleichen Experimenten der Autoperforationsartisten gab, nur daruf verweisen, dass sie dies mit einer anderen Option taten. Sie gingen einfach unverletzt vom Schauplatz ihrer Eigeninszenierung.
Ingo Garschke ist geschult. Geschult an den Meistern des Quatrocento. Vor allem an Leonardo da Vinci. Dem Sichtbarmachen von Vorgängen der Luft, des Wassers, der Wolken, den Bahnen der Muskeln und Sehnen, dem Knochenbau in Zeichnungen, dem Kartographieren, dem Nachziehen von Uferläufen, von Baumlinien, dem Entwerfen absurder Staffagen, geschult am Überbau in den Kathedralen der Wissenschaft. Das saugt er auf, lebt es nach, formt es und perfektioniert das Geschaute auf dem Papier. Den Zeichenstift setzt er gleich einem Schneidemesser, einem Spaten, oder den Dreiecken eines Landvermesser ein. Ersammelt Tiere ein, seziert sie, misst, bestimmt Muskeln und Knochen, stellt Sammlungen zusammen, beschriftet und vergleicht. Das Fernglas schult das Erkennen, den Lebensraum im Schilf, im Wald, in den Weiden, weibliches oder männliches Tier, Knack-, Krick- oder Schnatterente. Er ist ständig auf der Pirsch.
Aus den im tschechischen Kuks in Stein geschlagenen, verwitterten Eremiten Matthias Brauns werden die aus ihren Höhlen kriechenden Figuren zur Vorlage immer neuer Konstellationen einsam Mahnender.
Michel Tourniers Buch „Der Erlkönig“ eröffnet ihm einen Raum, die bildlich, christlichen Motive anzuverwandeln. Vorallem die Gestalt des Christophorus, ein Orger, der Trägers des Kindes, des Trägers der Welt. Er nutzt Knochen, Wachs und am Strand gefundene Steine, um modellhaft Situationen des Ringens um Leben und Tod zu beschreiben. Er vergrößert sie in einem ausgedienten Schafsstall in Pratzschwitz bei Pirna, den er sich mit Kollegen teilt. Weiß und überlebensgroß fluten sie die Halle. Die Arbeit steht im Vordergrund, das herausgefordert sein, Dinge zu realisieren. Hier werden die Gestalten von der Last des Irdischen, von ihrem Fleisch befreit. Hohle Augenpaare, polierte Schädeldächer, aufgebrochene Gelenke, im Schlamm steckende Beine, ganze Konstruktionen aus Knochen, die sich winden, heben, tragen, fallen aber auch tanzen, ausgelassen, übermütig sind.
Er räumt in den Kabinetten der Anatomie der HfBK Dresden als Assistent auf. Er zeichnet dort; Pferd und Kuh. Kühe und Vögel werden zum Untersuchungsmotiv Nummer 1. Er bewirbt sich in Leipzig an der HGB und übernimmt das Fach Anatomie. Sein Enthusiasmus wächst. Er ist begeistert und begeistert Jüngere. Raumgreifend wird das zu untersuchende Material. Skelettmodelle aller Tiere entstehen. Die Familie zieht nach Leipzig. Das Pratzschwitzer Figurentheater zerschellt im Container und unter dem Rabattenrand am Zaun. Ein neuer Ort ist auch eine neue Zeit.
Wir fahren umher, durchschreiten die Landschaft, zeichnen, durchmessen das teknoische am Berg, die Verwerfungen in der Landschaft, reden vom Raubbau und von Vitalkräften, trinken und sind trunken vom Gedanken der Welt abhanden gekommen zu sein. Viel Hirnschmalz wird abgesondert. Manches verschriftlicht. Die Tage glänzen, sind heiter und genüsslich.
War der Eremit in Dresden Zentralfigur, ist nun der Wanderer jener Alter ego, der die Bildräume durchstreift. Diese werden immer ausgefeilter, komplexer und syntetischer. Gipfelte noch in den 90igern der undurchdringliche Wald in einem aufscheinendem strahlenbündel Licht, oder in eine Höhle schwarzen Erdkrusten, dass Knochen barg, so springt nun das Auge in eine andere Ebene, die weit entfernt aufleuchtet, als müsse man dahin gelangen, als wäre da ein heileres Leben. Nur wie dahin gelangen?
Wir fliegen! Immer weiter fächern sich die Bildräume auf. Immer phantasitscher. Bis zur Trunkenheit des Piloten, der den Kurs verloren hat und ….stürzt.
Der Pinsel schwärzt das Papier. Die Finger verreiben die Tusche. Vehemente Kratzspuren der Feder. Das Schwarz ist verstofflicht in Wasser, Wolken, Gestein, Baum, Haus. Schwarz weicht den Graustufen bis zum weißen Lichtpunkt. Zügig füllt sich das Blatt. Bis zum Äußersten ist alles messbar. Die Gleichzeitigkeit beschriebener und unbeschriebener Ereignissräume durchdringt und verwebt des Zeichners Stift. Und in dem Schwingen des Skelettes des Vogels, der uns mit erlebter Präzision entgegenfliegt, versuchen wir, sein Wesen zu begreifen. Er, der Lehrer, weiß, wovon er spricht und kann es bis zum letzten Tag zelebrieren. Mit ganzem Herzen ist er dabei. Und dennoch frisst der Wurm Zweifel und die erdachte Schuld ihn auf. Unaushaltbar für beide Seiten.
Ich hatte danach gefragt, was ist einem Leben zuzumuten? Und was kann jeder von uns zur Sprache bringen. Und liegt in diesem Sprechen auch Erlösung? Kann ich erlöst werden? Und wovon kann ich erlöst werden? Das beantwortet immer nur der, der es auch tut.
Ingo Garschke nahm sich am 10. April 2010 das Leben. Es war ein düsterer Tag. Die Geräte aller lebenserhaltenden Maßnahmen in der Intensivstation in Halle wurden 17 Tage später abgeschaltet.
Richard Strauß vertonte 1894 John Henry Mackay (1864–1933) Worte:
Und morgen// wird die Sonne wieder scheinen,// und auf dem Wege,// den ich gehen werde, wird uns,// die Glücklichen, sie wieder einen// inmitten dieser sonnenatmenden Erde.
Und zu dem Strand, dem weiten,// wogenblauen,// werden wir still// und langsam niedersteigen,// stumm// werden wir uns in die Augen schauen,// und auf uns sinkt// des Glückes stummes Schweigen.