Hagen Döring
Nonviral
19.01.2024
—
01.03.2024
Eröffnung
19.01.2024, 20 Uhr
Kuratorengespräch
lebt und arbeitet in Berlin als Maler und Buchhändler
1962
in Bad Saarow geboren
1977–80
Abendstudium Malerei/Grafik an der HfBK Dresden bei Fritz Panndorf
1978–80
Lehre als Dekorationsmaler bei PGH »Canaletto«, Dresden
seit 1992
freischaffend in Berlin seit 1995 Mitglied des BBK, Berlin
2020
Stipendium der Senatsverwaltung Berlin
Ausstellungen/Auswahl
1988
Evangelische Kirche Friedrichsfelde
1990
Arbeiten auf Papier im Stadthaus Böcklerpark, Berlin-Kreuzberg
1994
Kunstverein Parchim
1997
Galerie Adlergasse, Dresden
1999
Institut für Systemische Arbeit, Schwerin
2000
Sächsische Landesärztekammer Dresden
Art Bridge 2000 in London (Gruppenausstellung)
2002
Kulturbundgalerie Treptow
Galerie Adlergasse Dresden (mit Irene Thomet)
Teilnahme am Dresdner Kunstmarkt
2006
Stadtmuseum Groß-Gerau (mit Genevieve Gilabert)
2008
Deutsche Richter-Akademie Wustrau (mit Genevieve Gilabert)
2012
Übergangszustand – Berlin, Kremmener Straße (Gruppenausstellung)
2016
Studio 103 Genslerstraße, Berlin
2018
Studio 103 Genslerstraße, Berlin
2022
Studio 103 Genslerstraße, Berlin
2023
vdek, Berlin
»Ungeachtet des derzeitigen Bilderlärms interessiert mich beim Malen weniger die große Geste. Eher bin ich versucht, meiner Malerei eine musikalische oder poetische Lesbarkeit, ähnlich einem japanischen Haiku, zu verleihen.
Da ich abstrakt arbeite, bleibt bei allem Zweifeln und Zögern immer auch ein Rätsel. Wenn man so will, ist der Betrachter, will er nicht einsam zurückbleiben, zur Mitarbeit eingeladen. Aber zunächst sammle ich Eindrücke - Fundstücke, Zeitungs-ausschnitte, eigene fotografische Aufnahmen im Alltag und auf Reisen, wobei Architektur, Werbung, Unauffälliges, eher Zufäl-liges oder Weggeworfenes meine Aufmerksamkeit wecken.
Dieses Material ist noch kein konkretes Vorbild. Skizzen, Collagen oder Aquarelle ergänzen den nächsten Arbeitsschritt und dienen schließlich als Inspiration für potenzielle Bilder.
Mitunter verarbeite ich das Material auch seriell, wobei ich das jeweilige Thema durchaus mit großem Zeitabstand erneut auf-greife.
Ausgehend von umrisshaften Vorstellungen darüber, was ein Bild sein kann, erforsche ich malend den ungewissen Ausgang.«
Thomas Matauschek
Malerei steht nicht im Verdacht viral zu sein, also Viren zu übertragen.
Der Maler malt allein in einem Raum, Atelier oder Studio genannt. Er arbeitet
mit Pinseln und Lappen. Manchmal direkt mit der Hand. Später wird die entstandene Malerei nur selten angefasst. Und wenn, wird sie eingepackt, transportiert
und aufgehangen. Heute trägt man dabei meist Handschuhe. Früher eher nicht. Hier in der Galerie kann und soll die Malerei nur mit den Augen betrachtet werden.
Also keine Gefahr – nonviral. Auch im übertragenen Sinn geht die Malerei nicht viral.
Sie überträgt sich weder leicht noch schnell. Man muss sich schon die Mühe der Betrachtung machen.
Also: Was liegt vor oder besser: Was hängt da?
In diesem Fall Flächiges. Farbe braucht Fläche. Viel Eckiges im Geviert. Es gibt keine Perspektive, manchmal kleine Flächenüberlappungen. Zuweilen kreuzen sich Linien. Der Maler Per Kirkeby schreibt: Die Malerei beginnt, wenn sich zwei Pinselstriche kreuzen.
Also entstehen Gitter. Ornamentales klingt an ohne Dekoration zu werden. Der Maler nennt seine Malerei lyrisch abstarkt. Frank Nitsche, dem Lehmann-Künstler waren seine Bilder zu sinnlich.
Dörings Formen befinden sich momentan auf einem einem Spielfeld. Im nächsten Moment können sie sich verschieben und neu Aufstellung nehmen. Die Farbe erzeugt eine musikalische Stimmung. Der Sound ist lapidar, kommt aus dem Alltäglichen. Oft ist es ein Blues, aber er klingt frisch.
Der Maler kennt sich aus in guter Populärmusik. Seine Titel heißen Tempel, Vorzeichen, Protest, Dekor, Naht, Fenster, Döner, Handwerk, Mode, Verschlag oder sogar Philosophie, Glaube und Luxus. Man kann sich von diesen Titeln auf’s Glatteis führen lassen.
Anregungen für seine Bilder empfängt der Maler als Sammler in der Großstadt. Er geht über Trödelmärkte und sucht nach Bücherperlen: Belletristik für sich und ausgefallene Fachliteratur für seinen antiquarischen Buchhandel. Er fotografiert was in Ecken aufeinandertrifft: Farben, Formen und Texturen. Die Popart thematisierte die Trennung von Form und Farbe am industriellen Produkt. Jedes Ding kann eine beliebige Farbe annehmen. Damit beginnt das Spiel. Welche Farbe nimmt welche Form an und umgekehrt.
Welches Farbklima stimmt für mich überhaupt und welches im Moment des Malens. Der Maler sucht nach dieser Stimmigkeit.
Zitat Hagen Döring: »Aber zunächst sammle ich Eindrücke - Fundstücke, Zeitungsausschnitte, eigene fotografische Aufnahmen im Alltag und auf Reisen, wobei Architektur, Werbung, Unauffälliges, eher Zufälliges oder Weggeworfenes meine Aufmerksamkeit wecken. Dieses Material ist noch kein konkretes Vorbild. Skizzen, Collagen oder Aquarelle ergänzen den nächsten Arbeitsschritt und dienen schließlich als Inspiration für potenzielle Bilder.«
Hagen Döring ist als Kunstmaler Autodidakt, und nicht nur das verbindet ihn mit dem belgischen Maler Raoul De Keyser. Als Maler ist er Profi, denn er hat in der PGH Canaletto in Dresden Dekorationsmaler gelernt. Da lernte er zwar man nicht wie Canaletto zu malen, aber Schablonieren, Vergolden, Holzmaserungen mit Kammzügen zu imitieren. Später in der PGH Palette brauchte er das leider nicht mehr.
Als er nach Berlin West ausreiste musste er feststellen das dort kein Maler mehr Farben selbst mischte und es auch nicht konnte. Dafür gibt es Automaten. Also Kunst malen und weiter mischen. Die eigene Mischung herstellen.
Es wäre naheliegend das der gelernte Dekorationsmaler Klebebänder oder mindestens den Malstock für gerade Linien nutzt. Das tut er gerade nicht. Er zieht die Linien lieber freihand. Auch die Flächen sind nicht ordentlich geglättet. Immer gibt es einen leichten Pinselduktus. Das ist kein Techno. Alles sieht einfach gemacht aus und bleibt doch ein Rätsel. Das Ausschnitthafte der Bilder verstärkt das Rätselhafte. Offenbar wird das Rätsel erst außerhalb der Malfläche gelöst. Besser als der Versuch diese Rätsel zu lösen ist es in diesen Wintertagen sich von der Frische und Energie dieser Farben anstecken zu lassen.
Aber eben nicht viral.
Enden möchte ich mit einem Zitat vom letztens verstorbenen eleganten Franz Beckenbauer. Ich weiß der Maler ist oder war zumindest fußballbegeistert. Wir haben in der Grundschule (POS Otto Grotewohl) gegeneinander gespielt. Ich stand im Tor. Er köpfte an die Latte.
Es ist ein Ausspruch der eigentlich nur von einem Maler kommen kann:
»Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.« Da kann ja nur der Malgrund gemeint sein, oder?
Vielen Dank.