Galerie Adlergasse

Info

Brigitte Wilhelm

Skulpturen

05.04.2024

17.05.2024

Eröffnung

05.04.2024, 20 Uhr

Kuratorengespräch

Brigitte Wilhelm

Geboren am 19. Juni 1939 in Heilbronn

1959–1965
Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

1961–1965
Studium der Bildhauerei bei Professor Otto Baum

Ab 1966
freie Bildhauerin in Stuttgart und Referendariat Umzug nach Neresheim/ Härtsfeld

Ab 1968
Kunsterzieherin am Progymnasium Neresheim

Ab 1982
Umbau und Umzug in das Segelfliegerheim Neresheim als Atelier und Wohnhaus

1984
Realisierung einer dreiteiligen Skulptur im öffentlichen Raum in Göppingen für das Amt für Arbeit und Soziales

2004
Kunstpreis der Sparkasse Nördlingen

2012
Beginn der Auffaltungen der Skulpturen in Papier, Kunststoff, Metall und Plexiglas

Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen

1979
»Kunst im Freien«, Kichheim/sT., Bonn, Straßburg

1980
»Triennale der Kleinplastik« Fellbach

1982
Galerie der Stadt Fellbach

1988
»Skulpturensommer« Bad Waldsee

1991
GEDOK-Galerie Stuttgart

1996
Kreuzkirche Stadt Nürtingen

1997
Galerie Gundel, Freiberg am Neckar

1998
Kunsthaus Schaller, Stuttgart

2003
Galerie Joho, Tübingen

2004
Sparkassengalerie Nördlingen, »Kunstpreis 2004«

2005
Galerie der Stadt Plochingen am Neckar | Palazzo Vecchio in Bagnacavallo, Italien

2010
Gmünder Kunstverein / Galerie im Kornhaus

2012
Alte Schranne, Nördlingen | Kulturschloss Hochstädt | Stiftung Schloß Fachsenfeld

2015
Galerie Zeitlupe, Heidenheim

2018
Alte Schranne, »SIE- Weibliche Positionen in der Kunst« Nördlingen

Krankheit und Nichtstun
Krankheit und Nichtstun verschaffen mir Muße, Wie verwende ich die willkommene Zeit?
Tuschstein und Pinsel mag ich nicht missen. Es entringt sich mir ab und an ein Gedicht.
Ist es beendet, erscheint es mir seicht und geschmacklos. Und ein Gebilde des Spottes für jeden.
Dem Kenner muss das kraftlose Metrum mißfallen, Den Laien wird die Wahl der Worte verdrießen.
Leise summ ich das Lied vor mich hin, halte ein und überlege.
Die Präfekten von Soochow und Peng-De hätten vielleicht die Verse gelobt, doch sie starben schon lange.
Wer hätte wohl heute Lust sie zu hören? Kein anderer als Yuan Chen.
Er wurde nach Chiang-Ling verbannt als Amtsschreiber für 3 Jahre.
Von mir trennen ihn dreitausend Meilen,
So erfährt er nicht einmal, dass ein Gedicht entstand.

Anonym, 812 n. Chr.

© Gabriele Maute

Henry Puchert

Eröffnungsrede

Einen schönen Abend und herzliches Willkommen zur Ausstellung „Skulpturen“ von Brigitte Wilhelm in der Adlergasse vom Kuratorenteam Kirsten Jäschke, Thomas Matauschek und Henry Puchert.

Neresheim, im Härtsfeld der Schwäbischen Alb, ist 5 Autostunden von hier entfernt.

Was wissen wir von dieser Gegend?

Fragen wir nach der Kunst aus diesem Raum, fallen uns spontan Schlemmer, Baumeister, Grieshaber, Broadwolf ein. Dann wird‘s dünn.

Der Schriftsteller Peter Härtling (1933 - 2017) bringt uns da in „Von Bildern, für Maler“ auf andere Fährten.

Das Buch entdeckte ich im Bücherregal Brigitte Wilhelms in Neresheim auf der Herzog-Tassilo-Straße in der umgebauten Segelfliegerschule.

Brigitte Wilhelm hat ihr Leben im Württembergischen verbracht.
1939 in eine vielköpfige Familie hineingeboren, flieht die Familie ausgebombt aus Heilbronn.
Sie ist 6. 4 Jahre schuften alle auf einem Bauernhof.
Dann wird Stuttgart ihr neues zu Hause, über der Kunsthandlung Schaller auf dem Roten Berg.
Der Vater tritt eine Stelle als Schuldirektor an.
Brigitte Wilhelm will in Stuttgart an der Akademie Kunst studieren.
„Ich konnte ja nichts anderes“ sagt sie.
An der Akademie wird ihr klar, Bildhauerei kann sie nur bei Otto Baum studieren.
Bei ihm spürt sie eine Verwandtschaft und ein Verständnis.
„Wir waren 8 Frauen im Jahrgang.“
Welche Frau kann Ende der 50iger, Anfang der 60iger Jahre von Bildhauerei, von Kunst in der BRD leben?
Frau muss eine Entscheidung treffen! Heiraten? Kinder? Anderer Beruf?
Wie bleibt Frau selbstständig, wie bleibt Frau dran?
Wie schafft Frau sich Freiräume, nicht nur zeitliche? Woher erfährt sie Unterstützung?
Das ist auch weiterhin eine aktuelle Frage, die auch das Mehr an Frauen im Ausstellungsbetrieb
nicht beantwortet.

Brigitte Wilhelm entscheidet sich für das Lehramt Kunst und wird in die Provinz verschickt.
Also weg vom weltläufigen Stuttgart, weg von Otto Baum, von den Verbindungen, vom Austausch.

Neresheim, ein Nest an der heutigen Grenze zu Bayern, wird von Balthasar Neumanns großartigsten spätbarocken Kirchenbau Europas vom Ulrichsberg aus förmlich überschattet.
Sie wohnt möbliert bei Hubers. Hier, im unterbesetzten Progymnasium beginnt nicht nur die Arbeit mit Kindern, sondern auch in einem kleinen Raum am Markt die Arbeit am Material.

Erst dynamische Formen, wie Zeichen, gestisch hingeworfen, gezeichnet, in Wachs geschnitten, dann gegossen.

Später wandelt es sich langsam zu aufeinander gestapelten Formen mit leichten Verschiebungen die Massen ausbalancierend.
Die Formen beginnen sich zu Kuben zusammen zu schieben.
Aus den aufgetürmten und gestreckten werden kompaktere, geschlossene, an Häuser oder Monumente erinnernde.
Alles wird mit dem Meisel in der Hand behauen. der Stein wird sorgfältig ausgewählt.
Und das im Modell entwickelte vorsichtig Stück für Stück übertragen. Nichts wirkt zufällig.
Die Formen sind verinnerlicht, sind Zeichnen wie Buchstaben, Schrift, eben eingeschrieben, sind Kristalle mit messbaren Kanten, Winkeln und gespannten Flächen, eben gewachsen.

Brigitte Wilhelm reist viel, vor allem an Steilküsten, sammelt Steinchen, die das Meer geschliffen hat, sammelt die Kunst anderer, Werkzeuge, überhaupt Geformtes im Überkommenen.
Sie bezieht nach längerer Umbauzeit, Anfang der 80iger Jahre am Rande von Neresheim mit Blick auf die Klosterabtei, das schon erwähnte Segelfliegerheim.
Ein Raum nun mit Wendeltreppe zum Dachgeschoss.
Da lebt und arbeitet sie, umgeben von den Sammlungen ihrer Reisen, Büchern und Kunst.
Alles ist einfach, ist geordnet und ist offen.
Dieser Raum ist ein vielfaches Mehr als Neresheim selbst.

Ihre Steine ruhen auf Latten auf dem Boden, wie eine unveränderliche Landschaft mit Einschnitten und Ebenen, Schluchten und Durchbrüchen.
Ich stehe davor und kann den Blick schweifen lassen und knüpfe an zu den Verwandtschaften an den Wänden und im Regal.
Sie sagt nicht viel dazu, Theoretisiert nichts. Sondern beginnt, ach weißt Du, das ist alles ganz einfach. Dabei neigt sie den Kopf, beugt sich lächelnd und verständnisvoll nach vorn und sagt woher das wohl kommt.

Das Älterwerden steht der harten Arbeit diametral gegenüber.
Sie beginnt die Formen in Papier zu schneiden, zu falten, aufzuklappen, zu und auf.
Von der Fläche in den Raum, Erhebungen, Aufgeworfenes, Relief. Und ganz farbig.
Aus den Papieren werden Plastikfolien, aus dem Kunststoff Metallplatten, aus diesen Plexiglas.

Das, was zuvor den gesamten Körper beschrieb, wird nun nach außen aufgefaltet und schafft einen neuen dynamischen, wieder sich durchdringenden Raum, der seiner Stofflichkeit und Konsistenz entlassen ist! Leicht den Verhältnissen entsagt und utopisches beschreibt.

Von welcher Utopie spreche ich?

Der unbekannte, zuvor durch das Material geschlossene Raumkörper, wird jetzt zu einem unbekannten Offenen.
Wir bewegen uns mit in der Dynamik der Flächen und leuchtenden Linien.
Als könnten wir nach etwas anderem greifen, was noch nicht anwesend und aussprechbar ist,
aber aus uns kommt, weil wir in diesen Räumen sind, weil wir da sind und uns frei bewegen.

Gesang

Ich danke Brigitte Wilhelm für ihre Bereitschaft, ihre Großzügigkeit und die offenen Gespräche in Vorbereitung der Ausstellung.
Ich danke Gabriele Maute für alle Zuarbeiten.
Ich danke Thomas Matauschek für die Mitrealisierung, Bella Rosa Puchert für die tatkräftige Unterstützung und Sabine Heinrich fürs Fahren und Machen.

Und wir danken Margarete Huber, der Tochter der Familie Huber, bei der Brigitte Wilhelm anfangs in Neresheim wohnte und die heute überraschend und uneigennützig aus Berlin anreiste, um uns musikalisch auf die Ausstellung einzustimmen.
Margarete Huber sagt, sie habe alles von Pater Hugo Weihermüller und Brigitte Wilhelm.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.